Veränderungsstrategie
Synchronisierung: Bündelung der Aufmerksamkeit zu einem gemeinsamen Aufbruch.
Wo sich niemand bedroht fühlt, fühlt sich niemand gemeint. Warum Push-Vorhaben ein synchrones Startsignal brauchen — und wie Mitarbeiter- und Kundenbefragungen den gemeinsamen Aufbruch auslösen.
Das Wichtigste in Kürze
- Push-Vorhaben scheitern nicht am Konzept, sondern an der Aufmerksamkeit. Wo sich niemand bedroht fühlt, fühlt sich auch niemand gemeint.
- Ohne Synchronisierung zieht sich das Feld auseinander: Pioniere werden gebremst, die Begeisterung erlahmt — bevor die kritische Masse steht.
- Mitarbeiter- und Kundenbefragungen halten ein Thema über Monate im Blickfeld. Heißt: das stärkste dramaturgische Mittel für einen gemeinsamen Aufbruch.
“Stell dir vor, es ist Neuanfang, und keiner guckt hin!” Change Management-Vorhaben vom Typ “Push” haben nur dann eine Erfolgschance, wenn es gelingt, die Aufmerksamkeit aller Führungskräfte und Mitarbeiter auf das Vorhaben zu lenken und für einen gemeinsamen Aufbruch zu “synchronisieren”. Gerade Kulturveränderungen in größeren Unternehmen versanden häufig, weil sie die Mehrzahl der Mitarbeiter überhaupt nicht erreichen oder ihnen nur oberflächliche Impulse geben, aber weit davon entfernt sind, ihnen eine Motivation für eine dauerhafte Verhaltensänderung zu geben.
Mangel an Breitenwirkung.
Höfliches (Des)Interesse
Bei einer Fusion, einem Kostensenkungsprogramm oder einer Restrukturierung brauchen Sie nichts tun, um die Aufmerksamkeit der gesamten Belegschaft auf das Vorhaben zu lenken – die haben Sie gewiss, weil die bevorstehenden Veränderungen für die Mitarbeiter potenziell bedrohlich sind und damit reflektorisch ihre ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Völlig anders, wenn Sie zum Beispiel die Kundenorientierung verbessern, eine Qualitätskampagne durchführen oder die Mitarbeiterqualität weiterentwickeln wollen. Da fühlt sich niemand bedroht, sondern allenfalls genervt: “Glaubt der Vorstand denn, wir hätten sonst nichts zu tun?” Aber natürlich sagen die Führungskräfte das nicht so direkt. Sie hören sich die Vorträge an und diskutieren in den unvermeidlichen Arbeitsgruppen mit. Und nach dem Workshop gehen sie zurück an ihre Arbeit – und das Thema ist vergessen.
Die Asymmetrie der Aufmerksamkeit
Bei Fusion, Sanierung, Restrukturierung ist Ihnen die Aufmerksamkeit sicher — die Bedrohung erzeugt sie von selbst. Bei Kundenorientierung oder Qualität fühlt sich niemand bedroht, allenfalls genervt. Heißt: Man hört zu, nickt, diskutiert mit — und ist das Thema nach dem Workshop wieder los.
Wachsende Asynchronität
Um solch ein Vorhaben ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, können Sie den konventionellen Weg gehen und mit Reden, Artikeln in der Werkszeitung und anderen Instrumenten für Ihr Vorhaben werben, eine Trainingsreihe starten, eine Projektgruppe mit der Ausarbeitung von Maßnahmen betrauen usw. Das Problem, das sie bei einem solchen Vorgehen mit großer Wahrscheinlichkeit bekommen, ist eine wachsende Asynchronität im Denken und Handeln der Belegschaft: Manche Mitarbeiter ziehen schon frühzeitig mit, andere tauchen erst einmal ab, wieder andere – vor allem die “an der Basis” und in der Peripherie – bekommen kaum etwas mit; “das Feld zieht sich auseinander”.
Energieverlust und Ermattung
Diese Asynchronität kostet Kraft: Die Pioniere – oftmals jüngere, engagierte, idealistische Mitarbeiter – werden oftmals von ihren eigenen Vorgesetzten und Kollegen gebremst. Es bilden sich Lager, die mehr oder weniger offensichtlich versuchen, die Veränderung auszusitzen. Nach einiger Zeit macht sich bei vielen der anfangs Begeisterten Enttäuschung breit: “Warum ziehen die Leute denn nicht mit?!” Etliche beginnen zu erlahmen und zu resignieren, und es erfordert sehr viel Kraft und Energie, die Führungskräfte und Mitarbeiter immer wieder anzuschieben. Nach einer Weile bringen auch die Motivationsbemühungen der Geschäftsleitung den Elan nicht mehr dauerhaft zurück: Die Aktivitäten erlahmen, bevor das Vorhaben die “kritische Masse” erreicht hat.
Synchronisierung der Aufmerksamkeit.
Deutliches Startsignal, konsequente Fortsetzung
Drei Bedingungen für den Aufbruch
Erstens: ein unüberhörbares Startsignal, das mindestens 80 Prozent bewusst erreicht. Zweitens: eine rasche, konsequente Fortsetzung — sonst verpufft alles. Drittens: ein durchhaltbarer Rahmen, damit das Vorhaben nicht am Tagesgeschäft zerbricht.
Daraus ergeben sich zwei wichtige Konsequenzen: Erstens, dass solche “Push-Veränderungsvorhaben” ein unüberhörbares Startsignal brauchen, damit sie von möglichst allen Beschäftigten (wenigstens aber von 80 Prozent) bewusst zur Kenntnis genommen werden. Und zweitens, dass nach dem Start eine rasche und konsequente Fortsetzung folgen muss, wenn die Sache nicht verpuffen soll wie ein Sylvester-Feuerwerk. Dem muss als “Gegengewicht” ein dritter Punkt hinzugefügt werden, nämlich, dass man bei alledem den Umfang der Aktivitäten in einem durchhaltbaren Rahmen halten muss. Sonst besteht die Gefahr, dass das Vorhaben nach einem furiosen Startphase unter der Last des Tagesgeschäfts (und dem Druck derer, die das Tagesgeschäft geschickt als Vorwand nutzen) zusammenbricht.
Unterschiedliche Wege
Aufbruchssignal und konsequente Fortsetzung können auf verschiedene Weise bewirkt werden. Was der beste Weg ist, hängt auch von der Art der angesteuerten Veränderungsziele ab. Je “breiter” und “weicher” diese Ziele, das heißt, je mehr es um Einstellungs- und Verhaltensänderung bei einer großen Zahl von Mitarbeitern geht, desto schwieriger das Vorhaben, und desto mehr Sorgfalt muss auf die Dramaturgie verwendet werden. Gerade bei Change Management-Vorhaben, die sich auf vermeintlich weiche Themen wie Führung, Zusammenarbeit oder interne und externe Kundenorientierung beziehen, ist es daher wichtig, konkrete, nachprüfbare Veränderungsziele zu formulieren.
”Programme” und Kampagnen
Die gebräuchlichste Dramaturgie für solche Zwecke ist wohl, ein großes Projekt (bzw. ein “Programm”) auszurufen, und zwar mit intensivem internem Marketing. Das Startsignal dafür kann zum Beispiel bei einer Großveranstaltung oder einer Management-Tagung gegeben werden; dabei wird eine Projektstruktur mit Projektteams, Lenkungsausschuss und Projekt-Controlling eingerichtet, und es wird regelmäßige Kommunikation über den Projektfortgang und die Umsetzungsschritte versprochen. Zusätzlich wird vielleicht noch eine flächendeckende Serie von Seminaren oder Workshops zu dem Change Management-Vorhaben vorgesehen und in den Wochen danach durchgeführt.
Klare nächste Schritte
Nach dem Start kein schwarzes Loch
Der brillante Auftakt verpufft, wenn danach monatelang nichts passiert. Deshalb: die nächsten handfesten Schritte früh konkretisieren, auch wenn sie erst später folgen. Ein „Schau'n wir mal, dann seh'n wir's schon“ reicht als Orientierung nicht.
Dieser hohe Aufwand in der Startphase bewirkt die angestrebte Synchronisierung der Aufmerksamkeit: Etliche Mitarbeiter sind dann schon aktiv an dem Projekt beteiligt; die meisten anderen haben das Programm oder die Kampagne zumindest zur Kenntnis genommen. Damit ist der erhebliche Aufwand von Zeit und Geld gerechtfertigt. Wichtig ist nur, dass danach kein “schwarzes Loch” folgt. Denn wenn die Mitarbeiter monatelang nichts mehr von der Sache hören, geht die Wirkung des brillanten Starts verloren. Deshalb müssen weitere handfeste Schritte festgelegt werden. Sie dürfen durchaus in einem gewissen zeitlichen Abstand folgen – entscheidend ist, dass sie frühzeitig konkretisiert werden. Ein “Schau’n wir mal, dann seh’n wir’s schon!” reicht als Orientierung nicht aus.
Alternativen
Doch es gibt auch Alternativen zu diesem “klassischen Ansatz”. Zu den wirksamsten zählen Mitarbeiter- und Kundenbefragungen.
Mitarbeiter- und Kundenbefragungen.
Mitarbeiter-befragungen
Der besondere Charme von Mitarbeiterbefragungen liegt darin, dass sie sich über einen längeren Zeitraum erstrecken und daher bei guter Dramaturgie geeignet sind, das jeweilige Thema für einige Monate im Blickfeld der gesamten Belegschaft zu halten. Entscheidend ist dabei allerdings, dass Sie dafür keinen “Breitband-Fragebogen” einsetzen, den Sie irgendwo gekauft oder geborgt haben, sondern die Fragen gezielt auf das Themenfeld zuschneiden, das Sie ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken und zum Gegenstand der Veränderung machen wollen.
Breite Diskussion
Die Synchronisierung der Aufmerksamkeit beginnt damit, dass Sie die Chance haben (und unbedingt nutzen sollten), zu erklären, weshalb Sie die Befragung überhaupt durchführen und welche Aspekte Sie dabei besonders wichtig finden. Damit können Sie die Aufmerksamkeit ganz gezielt auf die Aspekte lenken, um die es Ihnen geht. Der nächste Akt ist, dass alle Mitarbeiter den Fragebogen erhalten und ausfüllen – oder doch wenigstens durchblättern. Doch viele Mitarbeiter füllen den Fragebogen nicht nur aus, sondern diskutieren auch mit Kollegen darüber. So setzen sie sich noch intensiver mit der Sache auseinander.
Warten auf die Ergebnisse
Und natürlich sind dann alle sehr gespannt, was bei der Befragung herauskommt. Der nächste Höhepunkt ist dementsprechend die Bekanntgabe der Ergebnisse. Wenn die Resultate offen und in guter Aufmachung kommuniziert wird, löst sie vielfältige Diskussionen aus. An diesen Diskussionen sollte sich die Geschäftsleitung aktiv beteiligen – was auch heißt, dass sie dafür Foren schaffen sollte, wie zum Beispiel Workshops, Diskussionsveranstaltungen und/oder ein Diskussionsforum im Intranet.
Akt 1: Erklären, warum
Bevor der Fragebogen rausgeht, erklären Sie, weshalb Sie befragen und welche Aspekte Ihnen besonders wichtig sind. So lenken Sie die Aufmerksamkeit gezielt auf Ihr Thema.
Akt 2: Ausfüllen und diskutieren
Alle erhalten den Fragebogen, füllen ihn aus — oder blättern ihn wenigstens durch. Viele reden mit Kollegen darüber und setzen sich so noch intensiver mit der Sache auseinander.
Akt 3: Die Ergebnisse
Der Höhepunkt ist die Bekanntgabe. Offen und in guter Aufmachung kommuniziert, löst sie breite Diskussionen aus — an denen sich die Geschäftsleitung aktiv beteiligen sollte.
Alle wollen wissen, was herauskommt und was nun geschieht.
Problem-bewusstsein statt voreiliger Lösungssuche
Ein wertvoller Effekt dieser Diskussionen ist, dass die Mitarbeiter das Problem kennenlernen und es von allen Seiten beleuchten, bevor sie über dessen Lösung nachdenken. Das ist ein größerer Fortschritt als es auf den ersten Blick den Anschein hat, denn häufig wird beim Start von Veränderungsvorhaben der Schritt von der Problembeschreibung zur Lösung zu schnell gemacht. Die unvermeidliche Folge davon ist, dass die Motivation zur Veränderung sich in Grenzen hält: Wer das Problem nicht sieht, interessiert sich auch nicht sehr für dessen Lösung. Deshalb ist die breite Diskussion über die Problemlage ein ganz wesentlicher Schritt: Handlungsdruck ist Voraussetzung für die Bereitschaft, sich ernstlich auf die Suche nach Lösungen und vor allem auf deren Umsetzung einzulassen.
Wer das Problem nicht sieht, interessiert sich auch nicht sehr für dessen Lösung.
Eine Befragung weckt Erwartungen
Zudem weckt eine Mitarbeiterbefragung Erwartungen: Wer den Fragebogen ausgefüllt und ausgiebig über die Ergebnisse diskutiert hat, erwartet nun auch, dass etwas passiert. Was in unserem Zusammenhang ist es eine ausgesprochen gute Nachricht ist. Denn genau weil die Befragung Erwartungen weckt, bündelt sie die Aufmerksamkeit der gesamten Belegschaft auf die abgeleiteten Maßnahmen. Deshalb sind Befragungen ein exzellentes dramaturgisches Mittel, um Veränderungsthemen zu lancieren und so wirklich für einen gemeinsamen Aufbruch zu sorgen. Mit kaum einem anderen Vorgehen können Sie so viel kritische Aufmerksamkeit auf die von Ihnen eingeleites Maßnahmen ziehen. Deshalb eignen sie sich insbesondere für sogenannte “Push-Projekte”, also für Themen, die keine Selbstgänger sind, wie zum Beispiel Kulturveränderungen.
Selbst durchgeführte Kundenbefragung
Ähnliches gilt für Kundenbefragungen – insbesondere, wenn sie nicht durch Berater oder Marktforschungsagenturen durchgeführt werden, sondern von den eigenen Mitarbeitern. Das geht zwar nicht in jeder Branche, aber in sehr viel mehr Fällen als man zunächst denkt. Möglicherweise müssen Sie dafür gewisse Abstriche an Repräsentativität und methodischer Perfektion in Kauf nehmen, aber dafür sorgen Sie für authentische Erfahrungen und tragen so einen starken Veränderungsimpuls in Ihr Unternehmen hinein.
Erfahrungs-berichte
Selbst wenn bei weitem nicht alle Mitarbeiter an den Marktinterviews teilnehmen, sorgen die Erzählungen, Erfahrungsberichte und Anekdoten der Beteiligten für eine sehr viel breitere und intensivere Auseinandersetzung mit den Kundenwünschen als sie über eine noch so professionelle externe Marktforschung jemals ausgelöst werden könnte. Damit bewirken sie genau jene Synchronisierung der Aufmerksamkeit auf die Kundensicht, die für einen gemeinsamen Aufbruch in Sachen Kundenorientierung erforderlich ist.
Häufige Fragen.
Warum erreichen Kulturveränderungen oft nur wenige Mitarbeiter?
Weil sich bei weichen Themen wie Kultur, Führung oder Kundenorientierung niemand bedroht fühlt. Bedrohliche Veränderungen wie Fusionen oder Sanierungen ziehen die Aufmerksamkeit reflektorisch auf sich — freiwillige Themen müssen sie sich aktiv erarbeiten.
Was bedeutet Synchronisierung der Aufmerksamkeit?
Dass möglichst alle Führungskräfte und Mitarbeiter das Thema zur gleichen Zeit wahrnehmen und im Blick behalten. Ohne diese Bündelung zieht sich das Feld auseinander: Manche ziehen mit, andere tauchen ab, viele an der Basis bekommen kaum etwas mit.
Warum eignen sich Befragungen als dramaturgisches Mittel?
Weil sie sich über Monate erstrecken und das Thema so lange im Blickfeld halten. Sie wecken Erwartungen und bündeln die Aufmerksamkeit auf die abgeleiteten Maßnahmen — vorausgesetzt, der Fragebogen ist gezielt auf Ihr Thema zugeschnitten, kein gekaufter Breitband-Standard.
Was ist nach dem Startsignal am wichtigsten?
Eine rasche, konsequente Fortsetzung. Folgt auf den brillanten Start ein schwarzes Loch, in dem monatelang nichts geschieht, geht die Wirkung verloren. Deshalb gehören die nächsten handfesten Schritte früh konkretisiert.
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