Diagnose

Typologie des Change Management: Welche Art von Veränderung haben Sie vor sich?.

Nicht jede Veränderung ist gleich. Ein Release-Wechsel gelingt fast von selbst, ein Kulturwandel hat die Wetten gegen sich. So ordnen Sie Ihr Vorhaben ein.

Winfried Berner ·5 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Veränderung ist nicht gleich Veränderung. Ein Release-Wechsel gelingt fast von selbst — ein Kulturwandel kann zum Zynismusförderungsprogramm werden. Die Art des Vorhabens entscheidet über die Erfolgsquote.
  • Zwei Fragen ordnen jedes Vorhaben ein: Wie bedrohlich wirkt es? Und wie viel neues Verhalten verlangt es? Daraus wird 'Push' oder 'Pull' — und daraus Ihr Kommunikationsbedarf.
  • Erster Schritt ist immer die Diagnose. Heißt: Erst klären, welche Art von Veränderung Sie vor sich haben — dann das Vorgehen wählen. Nicht umgekehrt.

Der Begriff “Change Management” suggeriert ein einheitliches Fachgebiet. Doch in Wirklichkeit verbergen sich dahinter völlig unterschiedliche roblemstellungen, die eigentlich nur einen gemeinsamen Nenner haben, nämlich dass es um Veränderungen geht, von denen eine größere Zahl von Mitarbeitern betroffen sein werden:

Veränderung ist nicht gleich Veränderung

Der Begriff “Change Management” suggeriert ein einheitliches Fachgebiet. Doch in Wirklichkeit verbergen sich dahinter völlig unterschiedliche Problemstellungen, die eigentlich nur einen gemeinsamer Nenner haben, nämlich dass es um Veränderungen geht, von denen eine größere Zahl von Mitarbeitern betroffen sein werden:

Programme zur Kulturveränderung (wie z.B. Verbesserung der Kundenorientierung oder Aufbau einer Fehlerkultur)

Unterschiedliche Konfliktpotenziale

So unterschiedlich wie diese Problemstellungen sind auch die Konfliktpotenziale und die erforderlichen Veränderungsstrategien. So dürfte bei einem Programm zur Verbesserung der Kundenorientierung eine Ihrer größten Herausforderungen sein, Ihre Mitarbeiter überhaupt zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Thematik zu bewegen – bei einer Fusion oder Übernahme brauchen Sie sich darüber mit Sicherheit nicht den Kopf zerbrechen. Umgekehrt wird bei einer Fusion ein zentrales Thema sein, wie Sie Ängste, Grabenkriege und Positionskämpfe eindämmen können – was wiederum beim Thema Kundenorientierung kaum der kritische Punkt sein wird.

Unterschiedliche Erfolgsquoten

So unterschiedlich wie die emotionale Dynamik sind auch die Erfolgsaussichten: Wenn Sie beispielsweise von Windows XP auf Windows 7 migrieren oder einen Releasewechsel Ihrer Standardsoftware vornehmen, sollte die Erfolgsquote eigentlich bei 100 Prozent liegen. Vielleicht holpert und rumpelt es rund um die Einführung ein wenig, und es treten bei den Mitarbeitern und Führungskräften gewisse atmosphärische Verstimmungen auf; dennoch müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn die Veränderung scheitert und sie zurück zur alten Software müssen. Wenn Sie dagegen Führungsgrundsätze oder ein Leitbild einführen mit der Absicht, das Verhalten ihrer Mitarbeiter und Führungskräfte dauerhaft zu verändern, oder wenn Sie eine Fehlerkultur einführen oder Ihre Führungskultur dauerhaft verändern wollen, dann stehen die Wetten gegen Sie, und Sie müssen sich einiges einfallen lassen, wenn dabei mehr herauskommen soll als nur ein Zynismusförderungsprogramm.

dann stehen die Wetten gegen Sie, und Sie müssen sich einiges einfallen lassen, wenn dabei mehr herauskommen soll als nur ein Zynismusförderungsprogramm.

Diagnose Ihres Veränderungsvorhabens

Ihr erster Schritt bei einem Veränderungsvorhaben sollte daher sein, sich Klarheit zu verschaffen, was für eine Art von Veränderung Sie vor sich haben. Je genauer Sie einschätzen können, welche Gedanken, Gefühle und Reaktionen Ihr Vorhaben bei Ihren Mitarbeitern und Führungskräften auslösen wird und welche Konfliktpotenziale es mit sich bringt, desto treffsicherer können Sie ableiten, wie Sie vorgehen müssen, um den Veränderungsprozess in Gang zu bringen, am Leben zu halten und zum Erfolg zu führen.

Erst diagnostizieren, dann loslegen

Der teuerste Fehler passiert am Anfang: Sie behandeln jedes Vorhaben gleich. Heißt: Klären Sie zuerst, welche Gedanken, Gefühle und Widerstände Ihr Vorhaben auslöst — und welche Konfliktpotenziale es mitbringt. Erst daraus lässt sich ableiten, wie Sie den Prozess in Gang bringen, am Leben halten und zum Erfolg führen.

Eine Typologie von Veränderungsvorhaben.

Schlüsselrolle der Emotionen

Das folgende Ordnungsraster erlaubt Ihnen die Einordnung unterschiedlichster Veränderungsvorhaben, ihrer Knackpunkte und des voraussichtlichen Handlungsbedarfs. Es hilft Ihnen, eine erste Abschätzung vorzunehmen, was auf Sie zukommt und worauf Sie sich einstellen sollten. Zentral für das gesamte Change Management und die Gestaltung der Change-Architektur ist, mit welchen Emotionen die Betroffenen auf die geplanten Veränderungen reagieren werden und wie sie sich im Laufe des Veränderungsprozesses entwickeln werden. Denn daraus ergeben sich die (Chancen und) Risiken Ihres Vorhabens. Ob es Ihnen gelingt, mit diesen Emotionen sinnvoll umzugehen und sie in konstruktive Bahnen zu lenken, bestimmt maßgeblich über die Erfolgsaussichten Ihres Vorhabens.

Orientierungsbedürfnis der Mitarbeiter Die “Change-Matrix”

Aus diesem Grund ist sinnvoll, Veränderungsprozesse nach zwei Gesichtspunkten zu unterscheiden: Zum einen nach dem Grad an Bedrohlichkeit, den die Mitarbeiter voraussichtlich in der Veränderung sehen werden – er bestimmt ihr Bedürfnis nach Orientierung. Zum anderen nach dem Ausmaß an Einstellungs- und Verhaltensänderungen, das das Vorhaben Ihren Mitarbeitern abverlangt – es hat großen Einfluss darauf, mit wie viel Unwillen und Widerstand Sie rechnen müssen. Daraus leitet sich Ihr Bedarf für internes Marketing ab (Sie können auch sagen: Motivations- und Überzeugungsarbeit).

Daraus ergibt sich die folgende Matrix:

Die Typologie der Veränderungsprozesse
Die Typologie der Veränderungsprozesse

Die Typologie der Veränderungsprozesse

Typische Risiken

Damit sind auch schon die beiden typischen Ursachen der Frustration und des Scheiterns für die jeweiligen Veränderungsvorhaben genannt: In “Pull-Konstellationen” ist es die Unterversorgung der Mitarbeiter mit Informationen (“Unterkommunikation”). Sie führt zu wilden Gerüchten und Spekulationen, die sich rasch verselbständigen und, mit Misstrauen angereichert, in “psychologischen Tatsachen” verwandeln können – mit der Folge, dass die Stimmung kippt und das Management kommunikativ in die Defensive gerät. In der “Push-Konstellation” hingegen ist die Hauptgefahr, dass man auf der Ebene von wohlformulierten Leitsätzen, Hochglanz-Broschüren und moralischen Appellen “verhungert”, weil es nicht gelingt, die Aufmerksamkeit der gesamten Belegschaft für das Thema zu “synchronisieren”, und deshalb den entscheidenden Schritt zu einer Verhaltensänderung nicht schafft, geschweige denn eine dauerhafte Veränderung bewirkt.

Zwei Wege, ein Vorhaben zu beerdigen

In der Pull-Konstellation ist es die Unterkommunikation: zu wenig Information, dafür wilde Gerüchte — bis die Stimmung kippt und das Management in die Defensive gerät. In der Push-Konstellation verhungert das Vorhaben auf der Ebene von Hochglanz-Broschüren und moralischen Appellen. Heißt: Erst prüfen, welche Konstellation Sie haben. Dann gegensteuern.

Übersicht

Hier eine Übersicht, wo typische Veränderungsvorhaben in dieser “Change-Matrix” angesiedelt sind:

Typologie-Matrix von Change-Projekten nach Bedrohlichkeit und Änderungsbedarf mit Push und Pull
Typologie-Matrix von Change-Projekten nach Bedrohlichkeit und Änderungsbedarf mit Push und Pull

Einordnung unterschiedlicher Veränderungsvorhaben in der “Change-Matrix

Die Leute dort abholen, wo sie stehen

Aber was ist die Begründung dafür, ausgerechnet solche “weichen Faktoren”, die sehr viel mit Emotionen zu tun haben, zur Grundlage der Unterscheidung von Veränderungsprozessen zu machen? Ganz einfach: Es geht im Change Management ja in allererster Linie darum, die von Veränderung betroffenen Mitarbeiter und Führungskräfte auf dem eingeschlagenen Weg mitzunehmen. Dafür aber sind ihre Wahrnehmungen und Gefühle weitaus wichtiger als (vermeintlich) harte Fakten. Der einzige Weg hin zu einer erfolgreichen Umsetzung von Veränderungen führt daher über einen klug gestalteten sozialen Prozess – und der wiederum muss die Leute dort abholen, wo sie stehen. Dafür aber muss er zwingend von den Gedanken und Gefühlen seiner Adressaten ausgehen, das heißt, von ihren Erwartungen, Hoffnungen und vor allem von ihren Befürchtungen.

Häufige Fragen.

Warum ist die Art der Veränderung so entscheidend?

Weil jede Art andere Emotionen, Konfliktpotenziale und Erfolgsquoten mitbringt. Ein Release-Wechsel läuft fast von allein. Ein Kulturwandel dagegen hat die Wetten gegen sich. Wer beides gleich behandelt, wählt zwangsläufig das falsche Vorgehen.

Was bedeutet 'Push' und 'Pull' im Change Management?

In Pull-Konstellationen reißen sich die Mitarbeiter förmlich um Information. In Push-Konstellationen müssen Ideen, Ziele und Anforderungen aktiv und beharrlich nahegebracht werden. Die Konstellation bestimmt, wo Ihr Vorhaben scheitern kann — an Unterkommunikation oder am Verhungern schöner Appelle.

Nach welchen zwei Kriterien lässt sich ein Veränderungsvorhaben einordnen?

Nach dem Grad der Bedrohlichkeit, den die Mitarbeiter empfinden — er bestimmt ihr Bedürfnis nach Orientierung. Und nach dem Ausmaß an Einstellungs- und Verhaltensänderung, das Sie verlangen — es bestimmt, mit wie viel Widerstand Sie rechnen müssen.

Womit sollte ein Veränderungsvorhaben beginnen?

Mit der Diagnose. Verschaffen Sie sich zuerst Klarheit, welche Art von Veränderung Sie vor sich haben und welche Reaktionen sie bei Mitarbeitern und Führungskräften auslöst. Erst daraus lässt sich ein tragfähiges Vorgehen ableiten.

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