Krisen

Verhungerndes Projekt: Überforderung ist kein Widerstand.

Wenn Projekt und Tagesgeschäft kollidieren, liegt es nicht am Wollen, sondern am Können. Warum überlastete Teams kein Widerstandsproblem sind — und was hilft.

Winfried Berner ·3 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Wenn ein Projekt verhungert, ist das kein Widerstand. Die Aufgaben bleiben liegen, weil die Leute nicht mehr können — nicht, weil sie nicht wollen.
  • Der Konflikt zwischen Projektarbeit und Tagesgeschäft ist objektiv. Kein Klärungsgespräch redet fehlende Kapazität herbei.
  • Die Rettung heißt eindampfen: auf den unverzichtbaren Kern, mit schnell sichtbaren Erfolgen — und, wo möglich, vorab eine befristete Mindestreserve aufbauen.

Aufgrund von Kostendruck und falsch verstandenem “Lean Management” haben sich viele Firmen so weit “gestreamlined”, dass sie kaum noch Reserven zum Nachdenken oder für Sonderthemen haben. Da ein Projekt zusätzliche Kapazität erfordert, wird das zum Problem. Die erforderlichen Ressourcen sind einfach nicht mehr da, so dass nach der Anfangseuphorie schnell ein kaum lösbarer Konflikt zwischen Projektarbeit und Tagesgeschäft entsteht.

Symptome.

Diagnose: Überlastung

Die unausweichliche Folge: Entweder die Projektarbeit gerät ins Hintertreffen oder das Tagesgeschäft – oder beide. Dies darf weder als Widerstand noch als Folge mangelnder Motivation missverstanden werden. Übernommene Aufgaben bleiben nicht deshalb liegen, weil die Teammitglieder nicht wollen, sondern weil sie nicht mehr können.

Übernommene Aufgaben bleiben nicht deshalb liegen, weil die Teammitglieder nicht wollen, sondern weil sie nicht mehr können.

Manchmal bleibt stattdessen auch das Tagesgeschäft liegen – sei es, weil die Bedeutung des Projekts für die Zukunft gesehen wird, sei es, weil Projektarbeit wenigstens am Anfang spannender ist als die tägliche Routine. Doch früher oder später “schlägt das Imperium zurück”: Die Kollegen, an denen das Tagesgeschäft hängen bleibt, werden unleidlich, der Linienvorgesetzte macht Druck, weil er sich Sorgen um das laufende Geschäft macht, das man auf die Dauer auch nicht ungestraft vernachlässigen kann.

Teufelskreis

Unter diesem Druck bricht das Projekt früher oder später ein. Manche Teammitglieder erscheinen nicht mehr regelmäßig zu den Projektsitzungen, andere haben ihre “Hausaufgaben” nicht gemacht. Statt produktiv zu arbeiten, tritt man in den Teamsitzungen auf der Stelle und beklagt die unzumutbare Arbeitsbelastung. Damit beginnt ein Teufelskreis: Während im Team Stimmung und Produktivität absinken, wächst der Druck von außen, zumal sich die Außenstehenden einig sind, dass “bei dem Projekt noch nicht viel herausgekommen ist.”

Therapie: Konzentration aufs Wesentlichste

Kein Kommunikationsproblem, sondern ein Ressourcenkonflikt

Schauen Sie: Hier hilft kein Klärungsgespräch. Heißt: Kein Workshop und keine Motivationsrunde löst einen objektiven Ressourcenkonflikt. Die einzige Chance ist, das Projekt auf den absolut unverzichtbaren Kern einzudampfen — und einen Kompromiss zu finden, mit dem beide Seiten wenigstens vorübergehend leben.

Spätestens an dieser Stelle entsteht eine Krise, die schwer zu beheben ist. Denn es handelt sich ja nicht um ein Kommunikationsproblem, sondern um einen objektiven und kaum aufhebbaren Ressourcenkonflikt. Die einzige Chance, das Projekt zu retten und wenigstens die wichtigsten Projektziele noch zu erreichen, besteht darin, einen Kompromiss zu finden, mit dem beide Seiten wenigstens vorübergehend leben können.

Wichtig ist, in einer solchen Situation die Projektinhalte auf den absolut unverzichtbaren Kern einzudampfen. Denn die Leidensbereitschaft für Dinge, deren Notwendigkeit nicht offensichtlich ist, ist in solchen Situationen gering.

Anpassung der Methoden

Lange dauernde Projekte sind unter solchen Rahmenbedingungen kaum durchzuhalten. Selbst wenn es gelingt, einige Freiräume herauszuhandeln, werden die eher zur emotionalen Entlastung genutzt als für produktive Arbeit. Deshalb empfiehlt es sich in solchen Situationen über Alternativen nachdenken:

  • Kurzprojekte,
  • Crash-Workshops,
  • Change on the Job.

Außerdem ist in solchen Situationen noch wichtiger als sonst, für rasch sichtbare Erfolge (sogenannte “Quick Hits” oder “Quick Wins”) zu sorgen. Denn wenn die Betroffenen rasch erste Erfolge sehen, fördert dies das Durchhaltevermögen.

Prävention: Mindestreserven schaffen

Die beste Möglichkeit ist, wenn dies möglich ist, frühzeitig ein Stück zusätzlicher Kapazität aufbauen – etwa durch Fristbeschäftigungen, Springer, Praktikanten oder was auch immer. Das steht nicht im Widerspruch zu den Prinzipien des “Lean Management”, denn die zusätzliche Kapazität wird ja zeitlich befristet und zur Überbrückung eines absehbaren Engpasses aufgebaut.

Einsatz von Beratern

Unter Umständen können interne Engpässe auch durch erhöhten Beratereinsatz kompensiert werden. Denn mit Beratern mietet man ja nicht nur Know-how, sondern oftmals auch Kapazität. Aber Vorsicht: Je mehr die Ergebnisse von den Beratern kommen, desto geringer in der Regel ihre interne Akzeptanz!

Häufige Fragen.

Ist es Widerstand, wenn die Projektarbeit liegen bleibt?

Nein. Übernommene Aufgaben bleiben nicht liegen, weil die Teammitglieder nicht wollen, sondern weil sie keine Kapazität mehr haben. Das als Motivations- oder Widerstandsproblem zu deuten, führt in die Irre.

Was tun, wenn Projekt und Tagesgeschäft kollidieren?

Die Projektinhalte auf den absolut unverzichtbaren Kern eindampfen und einen Kompromiss finden, mit dem beide Seiten wenigstens vorübergehend leben. Für Dinge, deren Notwendigkeit nicht offensichtlich ist, ist die Leidensbereitschaft gering.

Wie lässt sich der Engpass von vornherein vermeiden?

Frühzeitig ein Stück befristete Zusatzkapazität aufbauen — etwa Springer, Fristbeschäftigte oder Praktikanten. Das widerspricht Lean Management nicht, weil die Kapazität nur einen absehbaren Engpass überbrückt.

Hilft es, mehr Berater einzusetzen?

Berater können interne Engpässe kompensieren, weil man mit ihnen nicht nur Know-how, sondern auch Kapazität mietet. Aber Vorsicht: Je mehr die Ergebnisse von den Beratern kommen, desto geringer in der Regel ihre interne Akzeptanz.

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