Kommunikation

Meinungsführer: Die Schlüssel zu den Meinungen der Mitarbeiter.

Meinungsführer sind die informellen Knotenpunkte im Unternehmen: Multiplikatoren, die Veränderung durchfärben oder kippen lassen. Woran Sie sie erkennen — und gewinnen.

Winfried Berner ·4 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Meinungsführer sind die informellen Knotenpunkte im Unternehmen: Sie wissen mehr, werden häufiger gefragt — und entscheiden als Multiplikatoren mit, ob ein Vorhaben durchfärbt oder kippt.
  • An der formalen Position erkennt man sie nicht. Woran dann: an Autonomie, Kompetenz, einer beitragenden Grundhaltung — und daran, dass ihnen der ganz große Karriereehrgeiz fehlt.
  • Gewinnen lassen sie sich nur mit Gründen, nie mit persönlichen Vorteilen. Und am besten in normaler Kommunikation, nicht in Sonderveranstaltungen für „Meinungsführer“.

In jedem Unternehmen, jedem Bereich und jeder Abteilung gibt es einige Mitarbeiter, die die “Knotenpunkte im internen Beziehungsgeflecht” sind: Sie erfahren mehr als andere, kennen sich in vielen Interna besser aus und werden häufiger nach Informationen und Tipps gefragt. An sie wenden sich die Mitarbeiter, wenn ihnen das Orga-Handbuch nicht weiterhilft, mit ihnen diskutieren sie, wie aktuelle Entwicklungen einzuschätzen sind, und oftmals werden sie auch von Vorgesetzten angesprochen, um neue Change-Vorhaben anzudiskutieren und die Reaktion der Mitarbeiter anzutesten.

Interne Schlüsselpersonen.

Multiplikatoren

Durch diese zentrale Rolle in den innerbetrieblichen Informationsströmen sind die Meinungsführer nicht nur die ideale Informationsquelle über die Stimmungslage im Unternehmen und die Einschätzung der Lage, die es sich etwa für einen Motivations- und Führungsaudit “anzuzapfen” lohnt, sondern auch höchst wirksame Multiplikatoren – im Positiven wie im Negativen. Wenn es gelingt, die Meinungsführer für ein Change Management-Vorhaben zu gewinnen, wird dies mit großer Wahrscheinlichkeit auf die allgemeine Akzeptanz “durchfärben”. Wenn hingegen die Stimmung bei den Meinungsführern kippt, wird sich deren negative Einschätzung in Windeseile verbreiten. Und dann wird es eng für das Projekt – und unter Umständen auch für das Management.

Der Hebel wirkt in beide Richtungen

Meinungsführer sind Multiplikatoren. Gewinnt man sie, färbt ihre Zustimmung auf die Belegschaft durch. Kippt ihre Stimmung, verbreitet sich die Ablehnung in Windeseile. Heißt: Wer sie übergeht, verschenkt nicht nur Rückenwind — er handelt sich Gegenwind ein.

Merkmale und besondere Kennzeichen von Meinungsführern.

Merkmale

Wer sind diese Meinungsführer, und wie findet man sie? Wahrscheinlich – hoffentlich! – kennen Sie sie längst. Meistens sind es Mitarbeiter auf den unteren und mittleren Ebenen der Hierarchie, die in der Regel schon einige Jahre im Unternehmen sind. Oft, aber nicht immer, zählen sie zu den Leistungsträgern; die Achtung, die sie genießen, hat oft auch mit ihrer Kompetenz und ihrem Überblick zu tun. In der Regel entfalten sie jedoch keinen ausgeprägten Karriereehrgeiz. Nicht, dass sie Beförderungen ablehnen würden, aber sie sind nicht bereit, dafür “alles” zu geben – weder in punkto Mehrarbeit noch, was eilfertige Anpassung an die Erwartungen des Managements angeht.

Erfahren, aber ohne Karriereehrgeiz

Meist auf den unteren und mittleren Ebenen, oft schon einige Jahre im Haus. Beförderungen lehnen sie nicht ab — aber sie geben dafür nicht „alles“.

Nicht an der Position ablesbar

Chefsekretärin, Vorarbeiter, Lagerleiter, Sachbearbeiterin: Hier zählt die informelle, nicht die formale Hierarchie.

Kommunikativ — aber mehr als das

Fast alle sind menschenorientiert und kommunikativ. Das allein genügt nicht. Betriebsnudeln sind auch kommunikativ, aber selten Meinungsführer.

Autonom und beitragend

Selbstbestimmt gegenüber Systemzwängen, bereit, andere und die Ziele des Unternehmens zu unterstützen — ohne zuerst nach dem eigenen Nutzen zu fragen.

Positionen

Das können ganz unterschiedliche Positionen sein: Die Chefsekretärin sein, die dem Chef auch mal die Meinung sagt, ein Vorarbeiter, der Lagerleiter, eine Sachbearbeiterin im Innendienst – an der formalen Position lässt es sich nicht festmachen, da es hier ja um die informelle Hierarchie geht. in der Regel zählen dazu auch manche Mitglieder des Betriebsrats, doch in den seltensten Fällen alle. (In Großbetrieben werden häufig die Meinungsführer der einzelnen Abteilungen in den Betriebsrat gewählt – falls sie sich aufstellen lassen.)

Gemeinsamkeiten

Meinungsführer sind alles andere als eine homogene Gruppe. Manche sind gewerkschaftlich orientiert, andere konservativ und arbeitgebernah. Manche sind extrovertiert und bekannt wie bunte Hunde, andere sind zurückhaltend und wirken eher im Stillen. Trotzdem gibt es auch Gemeinsamkeiten. Die meisten sind kommunikativ und menschenorientiert – doch dies allein genügt nicht, um Meinungsführer zu werden: Betriebsnudeln und Alleinunterhalter sind auch kommunikativ, aber selten Meinungsführer.

Die Meinungsführer für sich gewinnen.

Einbinden

Meinungsführer sind in aller Regel konstruktive Zeitgenossen. Deshalb ist es sehr häufig möglich, ihre Unterstützung für Veränderungsvorhaben zu gewinnen. Allerdings muss man sie mit Gründen überzeugen; das In-Aussicht-Stellen persönlicher Vorteile ist bei autonomen Persönlichkeiten eher kontraproduktiv. Und man muss sich auf kritische Sparringspartner gefasst machen, die bei konzeptionellen Mängeln oder einseitiger Lastenverteilung schonungslos den Finger in die Wunde legen. Trotzdem hat man als Manager wie als Berater viel gewonnen, wenn es einem gelingt, das Vertrauen und die kritische Unterstützung der Meinungsführer zu gewinnen.

Nur mit Argumenten, nie mit Ködern

Autonome Persönlichkeiten überzeugt man mit Gründen, nicht mit persönlichen Vorteilen. Der Vorteil-Köder wirkt hier eher kontraproduktiv. Rechnen Sie stattdessen mit kritischen Sparringspartnern, die bei konzeptionellen Mängeln schonungslos den Finger in die Wunde legen. Genau das ist der Wert.

Direkte Kommunikation

Das gelingt am besten im direkter Kommunikation – sei es auf Info-Veranstaltungen, Schulungen oder in Vier-Augen-Gesprächen. Gehen Sie dabei davon aus, dass Sie erst einmal eine kritische Prüfung überstehen müssen, bevor sie als kompetent und glaubwürdig akzeptiert werden. Da Meinungsführer keine homogene Gruppe sind, macht es in der Regel wenig Sinn, sie – etwa mit Sonderveranstaltungen für Meinungsführer – als solche anzusprechen. Viele von ihnen würde das eher unangenehm berühren, weil es ihre informelle Sonderrolle hervorhebt und weil dies die Frage aufwirft, welche unausgesprochen Erwartungen damit verbunden sind. Sie ziehen es vor, aus freien Stücken zu allgemeinen Info-Veranstaltungen zu kommen, und scheuen sich nicht, dort klar ihre Meinung zu vertreten.

Gezielte Einbeziehung

Was hingegen sehr wohl möglich ist, ist, einige Meinungsführer bewusst und gezielt in Veränderungsprozesse einzubeziehen, sei es als Mitglieder des Projektteams, beratender Gremien (“Sounding Board”) oder einer “Spurgruppe” im Vorfeld von Großgruppenprozessen. Auch bei Interviews zur Bestandsaufnahme oder Kulturanalyse sind sie meist sehr lohnende Gesprächspartner, weil sie wissen, “wie der Laden wirklich funktioniert”, und in aller Regel auch bereit sind, jemandem, der es wirklich wissen will, bereitwillig Informationen zu geben. Diese Arten der Einbeziehung sind auch sehr empfehlenswert, denn nach meiner Erfahrung lautet die Faustregel: Von einem Meinungsführer erfährt man mindestens doppelt so viel und manchmal noch wesentlich mehr als von einem zufällig ausgewählten Interviewpartner.

Von einem Meinungsführer erfährt man mindestens doppelt so viel und manchmal noch wesentlich mehr als von einem zufällig ausgewählten Interviewpartner.

Häufige Fragen.

Woran erkennt man Meinungsführer im Unternehmen?

Nicht an der Position. Meist sind es Mitarbeiter auf den unteren und mittleren Ebenen, schon einige Jahre dabei, oft Leistungsträger — aber ohne ausgeprägten Karriereehrgeiz. Entscheidend sind Autonomie, Kompetenz und eine beitragende Grundhaltung.

Wie gewinnt man Meinungsführer für ein Veränderungsvorhaben?

Mit Gründen, nicht mit persönlichen Vorteilen. Und in direkter Kommunikation — auf Info-Veranstaltungen, Schulungen oder im Vier-Augen-Gespräch. Rechnen Sie damit, erst eine kritische Prüfung zu bestehen, bevor Sie als glaubwürdig gelten.

Sollte man Meinungsführer gezielt als „Meinungsführer“ ansprechen?

Selten sinnvoll. Sonderveranstaltungen für Meinungsführer berühren viele eher unangenehm, weil sie ihre informelle Sonderrolle hervorheben. Besser: sie gezielt in Projektteams, beratende Gremien oder Interviews einbeziehen.

Warum sind Meinungsführer für Change-Vorhaben so entscheidend?

Weil sie Multiplikatoren sind. Ihre Einschätzung färbt auf die Belegschaft durch — im Positiven wie im Negativen. Und als Gesprächspartner liefern sie ein Vielfaches dessen, was ein zufällig ausgewählter Interviewpartner preisgibt.

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