Leadership & Führung

Loyalität: Wie viel Treue dürfen Unternehmen erwarten?.

Loyalität ist keine Einbahnstraße: Wie Unternehmen sie aufbauen – und wo die Treue ihrer Mitarbeiter Grenzen hat.

Winfried Berner ·3 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Loyalität ist keine Einbahnstraße. Ein Unternehmen bekommt so viel Treue zurück, wie es selbst gibt — nicht mehr.
  • Bei Fusion, Übernahme und Umbau brennen Firmen ihr Loyalitäts-Guthaben rasant auf. Wer Menschen wie Möbel verschiebt, erntet Söldner.
  • Verbundenheit ist kein weicher Faktor, sondern ein Wettbewerbsvorteil. Anständig durch Veränderung führen: geringe Mehrkosten, hoher Return.

Die Zeiten einer lebenslangen Verbundenheit zwischen Mitarbeiter und Unternehmen sind wohl für immer vorbei. Unternehmen trennen sich von Mitarbeitern, Mitarbeiter wechseln mehrfach in ihrem Berufsleben den Arbeitgeber – das Nähere regeln die gesetzlichen und vertraglichen Kündigungsfristen, sofern sie nicht “im beiderseitigen Einvernehmen” durch einen Auflösungsvertrag verkürzt werden.

”Lebensabschnittspartnerschaft”.

Unberechenbarkeit auf Gegenseitigkeit.

Loyal bis zur Selbstverleugnung?

Treue ist kein Vertragsbestandteil

Schauen Sie: Ein Manager, der mitten in einer laufenden Bewerbung eine Beförderung annimmt, hat kaum eine andere Wahl. Heißt: Niemand kann verlangen, dass Mitarbeiter ihre eigenen Interessen völlig hinter denen des Unternehmens zurückstellen. Loyalität bis zur Selbstverleugnung ist keine Pflicht, sondern eine Illusion.

Natürlich ist es für ein Unternehmen extrem ärgerlich, wenn ein Manager, dem im Zuge einer Fusion oder Umstrukturierung eine wichtige neue Aufgabe übertragen wurde, nach wenigen Wochen seine Kündigung einreicht oder um die Auflösung seines Vertrags bittet. Doch was hätte er denn tun sollen? Hätte er mitten in einer laufenden Bewerbung, deren Ausgang zu diesem Zeitpunkt noch ungewiss war, die Ernennung oder Beförderung ablehnen sollen? Hätte er der Personalabteilung mitteilen sollen, dass er bereits mit einem Bein im Absprung ist? De facto hatte er kaum eine andere Wahl als die Berufung anzunehmen und “so zu tun als ob”. Auch wenn ihm das vermutlich selbst unangenehm war. Doch niemand kann realistischerweise erwarten, dass Mitarbeiter ihre eigenen Interessen völlig hinter denen des Unternehmens zurückstellen.

Bindungen zur Disposition gestellt

Je konsequenter Unternehmen ihre Strategien in Bezug auf Wachstum und Ertrag verfolgen, desto konsequenter stellen sie oft bestehende Bindungen zur Disposition – zu Mitarbeitern, aber auch zu Kunden und Lieferanten. Wer nicht mehr ins Konzept passt, von dem trennt man sich eben: Nicht mit einem großen Knall, sondern möglichst unspektakulär und ohne große Emotionen. Für Wachstum und Ertrag mag das gut sein, jedenfalls sofern die Strategie etwas taugt. Zur Förderung der Loyalität, d.h. der Verbundenheit und Identifikation der Mitarbeiter mit den Unternehmen trägt es sicher nicht bei. Denn die gleichen Manager, die sich bei der Umsetzung der Strategie konsequent von Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten trennen, wenn sie nicht mehr ins Konzept passen, trennen sich auch konsequent von dem Unternehmen, wenn es nicht mehr in ihr Konzept passt. Wen sollte das wundern?

Denn die gleichen Manager, die sich bei der Umsetzung der Strategie konsequent von Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten trennen, wenn sie nicht mehr ins Konzept passen, trennen sich auch konsequent von dem Unternehmen, wenn es nicht mehr in ihr Konzept passt.

Die Chancen von mehr gegenseitiger Loyalität.

Loyalität zwischen Menschen

Am ehesten besteht Loyalität heute wohl noch zwischen Menschen, die durch eine enge und vertrauensvolle Arbeitsbeziehung miteinander verbunden sind. So kommt es vor, dass Manager ein attraktives Angebot ausschlagen, weil sie sich ihrem Team, das sie mit viel Engagement und Überredungskunst neu aufgebaut haben, verpflichtet fühlen, oder gegenüber ihrem Chef, der ihnen eine außergewöhnliche Chance gegeben hat. Oder dass sie sich zum Bleiben verpflichtet fühlen, weil ein wichtiges Projekt, an dem sie gemeinsam mit ihren Kollegen arbeiten, sonst in Schwierigkeiten kommen würde. Doch auch hier ist Loyalität keine gesellschaftliche Norm mehr, sondern eine freiwillige Leistung – und zwar eine, die besser nicht mit der Erwartung einer Gegenleistung verbunden wird.

Sehnsucht nach Zugehörigkeit

Dass es trotz alledem immer noch mehr Loyalität von Mitarbeitern zu Unternehmen gibt, als nach den Umständen zu erwarten wäre, hat wohl mit einer tiefen Sehnsucht des Menschen nach Verbundenheit und Zugehörigkeit zu tun. Die wenigsten von uns wollen ihr Leben als Söldner verbringen, die immer für den Herren kämpfen, auf dessen “Payroll” sie gerade stehen. Im Grunde ihres Herzens suchen sie nach Identifikation, einschließlich einer verlässlichen gegenseitigen Bindung. Eigentlich erstaunlich, dass immer mehr Unternehmen dieses Potenzial um lausiger Quartalsergebnisse willen verschleudern – und eine Chance für Unternehmen, hier neue Wettbewerbsvorteile aufzubauen.

Loyalität auf Gegenseitigkeit

Loyalität verdient man sich

Manche Firmen — nicht zufällig viele Familienunternehmen — begreifen es: Mittel- und langfristige Treue gewinnt nur, wer sich selbst loyal verhält. Heißt: Menschen in der Reorganisation nicht herumschieben wie Möbelstücke, sondern die Notwendigkeit der Veränderung erklären und beim Übergang unterstützen. Vergleichsweise geringe Mehrkosten, hoher Return.

Inzwischen scheinen manche Firmen, darunter wohl nicht zufällig viele Familienunternehmen, zu erkennen, dass sie die mittel- und langfristige Loyalität ihrer Mitarbeiter nur gewinnen können, wenn sie sich selber loyal verhalten und auch in Veränderungsprozessen anständig mit ihnen umgehen. Statt sie zum Beispiel bei einer Reorganisation herumzuschieben wie Möbelstücke, bemühen sie sich, sowohl die Notwendigkeit der Veränderung zu erklären, als auch, sie bei dem Übergang in die neue Funktionen, wo nötig, zu unterstützen. Das sind vergleichsweise geringe Mehrkosten mit einem hohen Return on Investment: Loyalität.

Häufige Fragen.

Ist Loyalität eine Einbahnstraße?

Nein. Wenn Loyalität keine Einbahnstraße sein soll, können Unternehmen von Mitarbeitern und Führungskräften nicht mehr an Treue erwarten, als sie ihnen selbst entgegenbringen. Gerade bei Fusionen und Umstrukturierungen brauchen viele Firmen ihr Loyalitäts-Guthaben aber rasant und restlos auf.

Kann ein Unternehmen moralische Treue einfordern?

Kaum. Eine moralische Treuepflicht, die über den Arbeitsvertrag hinausgeht, lässt sich ethisch allenfalls in Sonderfällen begründen. Wer Menschen wie Möbelstücke verschiebt, hat auf mehr keinen Anspruch.

Wo hält Loyalität heute noch?

Am ehesten zwischen Menschen, die eine enge, vertrauensvolle Arbeitsbeziehung verbindet — gegenüber dem Team, dem Chef, dem gemeinsamen Projekt. Aber freiwillig, nicht als Norm. Und besser ohne die Erwartung einer Gegenleistung.

Wie gewinnen Unternehmen Loyalität zurück?

Indem sie sich selbst loyal verhalten und auch in Veränderungsprozessen anständig mit den Menschen umgehen: die Notwendigkeit erklären, beim Übergang unterstützen. Geringe Mehrkosten, hoher Return on Investment — Loyalität.

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