Top-Management & Geschäftsführung
Priorisierung: Die Kunst, das Richtige liegen zu lassen.
Alles wichtig, nichts zu schaffen? Priorisieren heißt wählen, was liegen bleibt. Wie Führung unter Druck die vitalen Aufgaben zuerst sichert.
Das Wichtigste in Kürze
- Die größte Gefahr ist nicht die liegengebliebene Kleinigkeit. Es sind die strategischen Weichenstellungen, auf die niemand drängt — und die genau deshalb hinten runterfallen.
- Priorisieren heißt nicht, alles zu schaffen. Heißt: bewusst wählen, was Sie liegen lassen. Ein intellektueller und ein emotionaler Kraftakt.
- Zuerst die Vitalfunktionen sichern — die Lebensfähigkeit des Unternehmens. Alles andere wartet, bis die Zahlungsströme laufen.
Die Empfehlung, Prioritäten zu setzen, ist ja nicht ganz neu; das Problem liegt eher in der Umsetzung. Zwar sagen manche, ihre Firma hätte überhaupt keine Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen, sie hätte Hunderte davon. Doch i
Getrieben statt treibend.
Fremdbestimmung
Die Empfehlung, Prioritäten zu setzen, ist ja nicht ganz neu; das Problem liegt eher in der Umsetzung. Zwar sagen manche, ihre Firma hätte überhaupt keine Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen, sie hätte Hunderte davon. Doch i n manchen Change Management-Projekten – etwa bei einem Turnaround, einer Post-Merger-Integration oder in Projektkrisen – entscheidet konsequente Priorisierung über Erfolg oder Misserfolg. Wenn die Verantwortlichen hier versuchen, alles zu erledigen, was an sie herangetragen wird, sind sie verloren. Dann entgleiten ihnen die Gesetze des Handelns, sie werden vom Treiber zum Getriebenen, und selbst wenn sie Tag und Nacht arbeiten, wächst die Aufgabenliste schneller als sie sie abarbeiten können.
Die größte Gefahr in solchen Situationen ist nicht, dass Dinge unerledigt bleiben, auf die irgend jemand mit Ungeduld wartet. Viel schwerwiegender ist die Gefahr, dass jene übergeordneten Aufgaben liegen bleiben, bei denen keiner auf eine Entscheidung dringt: grundlegende strategische Weichenstellungen, Ziel- und Terminvorgaben, aber auch die Ermutigung aller Mitstreiter. Wenn das Top-Management nur noch reagiert, führt es nicht mehr, sondern wird geführt. Damit droht dem gesamten Veränderungsvorhaben erst der Orientierungsverlust, dann die Verzettelung und schließlich das Scheitern. Gerade wenn der Druck sehr hoch ist und sich extrem viel zusammenballt, besteht die wichtigste Führungsaufgabe und -verantwortung darin, klare Prioritäten zu setzen – und auf diese Weise sicherzustellen, dass die wichtigen Aufgaben tatsächlich erledigt werden.
Wer nur noch reagiert, führt nicht mehr
Schauen Sie: Unter Druck bleibt selten die laute Aufgabe liegen, sondern die leise. Die grundlegende Weichenstellung, auf die niemand drängt. Heißt: Wer nur noch abarbeitet, was hereinkommt, wird geführt statt zu führen. Am Ende steht erst der Orientierungsverlust, dann die Verzettelung, dann das Scheitern des ganzen Vorhabens.
Prioritätensetzung in der Praxis.
Unter Druck
Heimtückischerweise klappt das Prioritätensetzen oftmals gerade dann nicht, wenn man wirklich unter Druck steht. Denn eigentlich ist ja keines der Anliegen, die da an einen herangetragen werden, wirklich unwichtig. Die meisten Dinge sind überdies auch noch dringlich, weil immer irgendjemand einen Input braucht oder eine Entscheidung benötigt, ohne die er seine Aufgaben nicht weiterführen kann. Angesichts der übervollen, ständig anwachsenden To-Do-Liste und dem rasenden Zeitdruck kommt man überhaupt nicht mehr dazu, sich Gedanken zu machen. Wie soll man da Prioritäten setzen?
Doppelter Kraftakt
“Wenn es einfach wäre, könnte es jeder”, pflegt einer unserer Kunden bei solchen Gelegenheiten zu sagen. Was das Prioritäten-Setzen aber doppelt schwer macht, ist, dass dafür sowohl ein intellektueller als auch ein emotionaler Kraftakt erforderlich ist. Wobei sich der letztere oftmals als der noch schwierigere erweist. Machen Sie sich in solchen Situationen bewusst, dass die Option, alle Aufgaben zu erledigen, überhaupt nicht existiert. Sie haben nur die Wahl, welche Dinge Sie liegen lassen – jene, die für die Bewältigung der momentanen Problemstellung entscheidend wären oder die, bei denen es auch ärgerlich ist, aber ein relativ geringer Schaden entsteht.
Machen Sie sich in solchen Situationen bewusst, dass die Option, alle Aufgaben zu erledigen, überhaupt nicht existiert.
Standard-Rangfolge
Die analytische Herausforderung ist, diejenigen Aufgaben zu identifizieren, die in der gegebenen Situation absolut unerlässlich sind. Auch wenn dabei natürlich immer die Besonderheiten der konkreten Situation entscheidend sind, kann folgende Rangfolge hilfreich sein: Vorrang vor allem anderen hat die Sicherstellung der “Vitalfunktionen”, also der Lebens- und Handlungsfähigkeit des Unternehmens; wenn sie bedroht sind, tun Sie gut daran, auf andere Prioritäten fürs erste zu verzichten. Die nächsthöchsten Prioritäten sollten in aller Regel das Bewältigen zentraler Konflikte und die Vorsorge für der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens haben, bevor Optimierungsthemen und Einzelfragen an die Reihe kommen.
1. Vitalfunktionen sichern
Die Lebens- und Handlungsfähigkeit des Unternehmens. Sind sie bedroht, hat alles andere fürs erste zu warten.
2. Konflikte lösen, Zukunft sichern
Zentrale Konflikte bewältigen und die Zukunftsfähigkeit vorbereiten — bevor Optimierung überhaupt zum Thema wird.
3. Optimierung und Einzelfragen
Kommen zuletzt. So ärgerlich Liegengebliebenes hier ist: Der Schaden bleibt überschaubar.
Logische Top-Prioritäten.
Muße erforderlich
Das Entwickeln und Herausarbeiten der Top-Prioritäten erfordert ein Stück Muße; es lässt sich kaum in der Hatz von Termin zu Termin oder im Stress zwischen Anrufen, Rückrufen und wartenden Besuchern erledigen. (Allenfalls hilft dieser Stress, den erforderlichen Leidensdruck aufzubauen.) Während der regulären Arbeitszeit wird es daher kaum gelingen, aus der Fülle der Themen die wirklichen Essentials herauszudestillieren; je nach Arbeitsgewohnheiten eignet sich dafür am ehesten der (sehr) frühe Morgen, der (sehr) späte Abend oder ein Sonntag Vormittag.
Delegieren oder vertagen?
Zur Prioritätensetzung gehört auch, zu entscheiden, was mit den Themen geschehen soll, derer man selbst sich fürs erste nicht mehr annehmen will und kann: Sollen sie warten, bis irgendwann wieder mehr Zeit ist, oder wollen Sie sie lieber an geeignete Mitarbeiter delegieren, mit dem ausdrücklichen Auftrag, sie ohne größeren Input von Ihrer Seite umzusetzen? Das ist keine Grundsatzfrage, sondern sollte pragmatisch entschieden werden, je nachdem, wovon die besseren Resultate (oder der geringere Schaden) zu erwarten ist.
Crosscheck
Empfehlenswert ist schließlich, die festgelegten Prioritäten im engeren Kreis von Vertrauten querzuprüfen, bevor man sie allen, die sie kennen müssen, mitteilt. Denn es kann immer sein, dass man wichtige Aspekte übersehen hat und deshalb Änderungen vornehmen muss. Aber lassen Sie dabei keine Verwässerung zu! Für jeden Punkt, der zusätzlich in die höchste Priorität aufgenommen wird, muss ein anderer gestrichen werden.
Häufige Fragen.
Warum klappt Priorisieren ausgerechnet unter Druck nicht?
Weil kaum ein Anliegen wirklich unwichtig ist und fast alles dringlich wirkt — irgendwer braucht immer einen Input oder eine Entscheidung. Bei rasendem Zeitdruck kommt man gar nicht mehr zum Nachdenken. Genau dann ist Priorisieren am nötigsten und am schwersten.
Was hat in der Krise oberste Priorität?
Die Vitalfunktionen: die Zahlungsströme und die Wertschöpfungskette von Vertrieb bis Service. Stockt die Leistungserstellung, versiegen bald die Zahlungseingänge — und die Liquidität wird knapp. Controlling und Berichtswesen kommen erst danach.
Was mache ich mit den Aufgaben, die liegen bleiben?
Pragmatisch entscheiden: vertagen oder delegieren. Delegieren mit dem klaren Auftrag, ohne großen Input von Ihrer Seite umzusetzen. Maßstab ist, wovon das bessere Resultat oder der geringere Schaden zu erwarten ist.
Wie verhindere ich, dass die Prioritätenliste verwässert?
Indem die Regel hart bleibt: Für jeden Punkt, der neu in die höchste Priorität rutscht, muss ein anderer gestrichen werden. Vorher lohnt ein Crosscheck im engeren Kreis von Vertrauten — vier Augen sehen übersehene Aspekte.
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