Psychologie
Vorleben: Weshalb den Vorbildern nur wenige "nachleben".
Gutes Vorbild, kein Nachleben: warum Führung durch Vorleben fast immer scheitert — und was Verhalten wirklich ändert.
Das Wichtigste in Kürze
- Vorleben führt fast nie zu Nachleben. Die Annahme, ein gutes Beispiel werde automatisch nachgeahmt, ist schlicht falsch.
- Am zuverlässigsten wirkt das schlechte Beispiel. Es senkt Hemmschwellen — das gute bleibt meist folgenlos.
- Was wirklich zieht: klare Erwartungen und langer Atem. Führung statt Vorbild-Pathos.
Zu den verbreitetsten Mythen in Führung und Change Management zählt, dass Veränderungen der Unternehmenskultur durch “Vorleben” zu erreichen wären. Wer bei passender Gelegenheit mit Pathos fordert, das Top-Management dürfe Veränderungen nicht nur von den Mitarbeitern verlangen, sondern müsse sie auch selbst vorleben, kann sich des allgemeinen Beifalls sicher sein. Wenn die Manager dies aber versuchen, müssen sie früher oder später enttäuscht feststellen, dass die meisten Mitarbeiter ihr “Vorleben”, sofern sie es überhaupt bemerken, zwar durchaus begrüßen, aber keinerlei Anstalten machen, ihnen “nachzuleben”.
Der Mythos vom “Vorleben”.
Erhoffte Vorbildwirkung
Dieser ebenso chronische wie befremdliche Mangel an “Nachleben” führt bei den Vorlebenden verständlicherweise zu einer gewissen Irritation. Irgendetwas stimmt da nicht – aber was? Liegt es daran, dass sie das erwünschte Verhalten trotz aller Anstrengungen noch nicht heftig genug vorgelebt haben? Oder haben es die Vorstandskollegen trotz aller Lippenbekenntnisse mal wieder an der Ernsthaftigkeit bei der Umsetzung mangeln lassen, sodass die Mitarbeiter durch widersprüchliche Signale aus dem Management verwirrt wurden? Oder liegt es an den Mitarbeitern, die dafür einfach zu dumm, zu faul oder zu verwöhnt sind?
Zu wenig vorgelebt?
Der Reflex: noch mehr Pathos, noch mehr Vorbild. Als ließe sich Nachahmung erzwingen, wenn man nur laut genug vormacht.
Die Kollegen kneifen?
Der Verdacht: Der Vorstand zieht nicht mit, widersprüchliche Signale verwirren die Belegschaft. Bequem, aber selten der Kern.
Die Mitarbeiter zu träge?
Der letzte Ausweg: zu dumm, zu faul, zu verwöhnt. Heißt: Schuld hat, wer nicht folgt. Der eigentliche Grund liegt woanders.
”Vorleben” ist nicht sehr ansteckend.
Lernen am Modell
Der wichtigste praktische Einwand ist, dass es nicht funktioniert – oder nur sehr eingeschränkt. In der Regel sind es nur die ehrgeizigen Nachwuchskräfte sowie einige treue Gefolgsleute, die ihren Chefs “nachleben”. Beim ambitionierten Führungsnachwuchs kann das Vorleben tatsächlich funktionieren: Viele von ihnen orientieren sich in ihrem Verhalten tatsächlich sehr stark am Vorbild der Vorgesetzten, denen sie nacheifern – zuweilen bis zur unfreiwilligen Karikatur. Doch eine Massenbewegung wird daraus selten. Wenn der Vorstand ab sofort ohne Krawatte in Büro kommt, dauert es nicht lange, bis die ersten seinem Vorbild folgen. Wenn er morgens ab sofort eine Stunde früher ins Büro kommt, werden selbst von den ehrgeizigen Nachwuchskräften nicht alle seinem Beispiel folgen.
Doch eine Massenbewegung wird daraus selten.
Eingeschränkte Vorbildwirkung
Nicht Ablehnung. Andere Rolle.
Mitarbeiter folgen dem Vorbild nicht, weil sie den Chef ablehnen. Sie sehen bei ihm schlicht andere Aufgaben und Verantwortung als bei sich. Heißt: Der Chef trägt seine Tasse in die Küche — eine Prozession wird daraus nicht.
Die Gründe, weshalb die Mehrzahl der Mitarbeiter dem Vorbild ihrer Vorgesetzten nicht so ohne Weiteres nacheifert, ist unspektakulär: Es liegt es nicht daran, dass die Mitarbeiter die Vorgesetzten so sehr ablehnen, dass sie deren Beispiel nicht zu folgen bereit sind. Nein, es ist viel harmloser: Sie sehen lediglich (und mit gewissem Recht) bei den Vorgesetzten andere Aufgaben und Verantwortlichkeiten als bei sich selbst. So stellen zum Beispiel die meisten Mitarbeiter hohe Anforderungen an die Gerechtigkeit ihrer Chefs. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie sich, wenn ihr Chef Gerechtigkeit “vorlebt”, sich selber in gleicher Weise zur Gerechtigkeit verpflichtet fühlten.
Auch wenn der Chef seine Tasse persönlich in die Teeküche trägt, bedeutet das noch lange nicht, dass sich alsbald eine Prozession in die “vorgelebte” Richtung entwickelt. Klar, wenn er am Ende eines Meetings aufsteht, seine Tasse in die Hand nimmt und sagt: “Jetzt tragen wir mal alle unsere Tassen in die Küche!”, wird es wenige geben, die die Nerven haben, sitzenzubleiben oder gar, ihm ihre Tasse zu überreichen: “Sie haben doch noch eine Hand frei!” Aber daraus sollte man keine übereilten Schlüsse für den Tag danach ziehen, schon gar nicht, wenn der Chef an diesem Tag nicht im Hause ist.
Von wegen nachleben
Deshalb ist es eine Illusion zu glauben, man könne die Menschheit – oder auch nur seine engsten Mitarbeiter – alleine durch heldenhaftes Vorleben auf den Pfad der Tugend führen. Zwar werden die Leute Ihren mustergültigen Lebenswandel ausgesprochen lobenswert finden – aber zu Ihrem vorhersagbaren Kummer werden sich nur wenige berufen fühlen, Ihnen auf diesem entsagungsvollen Weg zu folgen.
Schlechtes Beispiel wirkt besser als gutes
Das schlechte Beispiel ist ansteckender
Beim Senken von Hemmschwellen funktioniert Vorleben plötzlich. Drängt sich einer vor oder bricht Regeln, sinkt die Schwelle bei allen: „Wenn der das darf, darf ich es auch.“ Heißt: Wer Regelverstöße vorlebt, bekommt Nachahmer — schneller als beim guten Beispiel.
Am besten funktioniert das Vorleben noch beim Überschreiten von Hemmschwellen: Beim Verlängern der Kaffeepause, beim Vordrängen am Büffet, aber auch bei ernsteren Regelverstößen. Gleich ob bei Geschwindigkeitsüberschreitungen, dem Mitgehen-Lassen von Büromaterial oder Steuervergehen, überall dort setzt das schlechte Beispiel Einzelner auch die Hemmschwellen bei anderen herab: “Wenn der das darf, darf ich es auch!” Was aber weniger mit einem “Lernen am Modell” zu tun hat, als damit, dass einem das Verhalten einen willkommenen Vorwand liefert, es mit den Regeln nicht so streng zu nehmen und lieber den eigenen egoistischen Tendenzen nachzugeben. Was sich dann auch sehr “rational” und mit trotzigem (Selbst-)Gerechtigkeitsgefühl begründen lässt: “Das tut doch jeder!” Oder, etwas intellektueller: “Der Ehrliche ist der Dumme!”
Worauf es wirklich ankommt.
Konsistenz von Worten und Taten
Trotzdem hat die Forderung nach dem Vorleben einen wahren Kern – wenn auch einen relativ kleinen. In der Tat ist es kontraproduktiv, wenn das Handeln des Managements in krassem Widerspruch zu den eigenen Forderungen oder den gemeinsam getroffenen Vereinbarungen steht. Wenn der Vorstand Sparsamkeit predigt, Betriebsvereinbarungen nach unten verhandelt und parallel für teures Geld die Vorstandsetage renovieren lässt, dann kommt natürlich der Vorwurf auf, dass die Oberen Wasser predigen und Wein trinken. Das hat jedoch nichts mit mangelndem Vorleben zu tun, sondern mit dem sichtbaren Vorleben des genauen Gegenteils, sprich, mit massiven Verstößen gegen die selbstgesetzten Regeln – und mit Widersprüchen zwischen Worten und Taten, die der Glaubwürdigkeit generell abträglich sind. Fazit: Das Vorleben von Regelverstößen sollte man in der Tat bleiben lassen, falls man an der Einhaltung der Regeln interessiert ist und nicht deren Missachtung.
Führung statt “Vorleben”
Führung schlägt Vorbild
Übereinstimmung von Wort und Tat ist nützlich, aber nie hinreichend. Entscheidend ist Führung: erstens Klarheit der Erwartungen, zweitens Konfliktbereitschaft im Umgang mit Widerständen. Heißt: nicht schöner vormachen, sondern klarer führen.
Doch ansonsten ist die Übereinstimmung zwischen Worten und Taten allenfalls eine nützliche Bedingung für eine Verhaltensänderung, ganz sicher aber keine hinreichende. “Walking the Talk” muss sich weniger auf das eigene Vorbild beziehen als auf klare Führung, zu der insbesondere zwei Dinge gehören: Erstens Klarheit der Erwartungen, zweitens Konfliktbereitschaft in der Auseinandersetzung mit Widerständen.
Erstens: Klare Erwartungen
So banal es klingt: Wenn wir von anderen eine Änderung ihres Verhaltens wünschen, ist es hilfreich, wenn sie das wissen – und zwar nicht nur auf der Ebene wohlklingender Leitsätze (“Wir gehen offen und vertrauensvoll miteinander um”), sondern möglichst konkret. Es muss auf der Ebene beobachtbarer Aussagen klar werden, welches Tun oder Unterlassen gewünscht ist und welches nicht. Dabei sollten die Betroffene nicht bloß die Erwartungen kennen, sondern auch deren Hintergründe und Intentionen verstehen. Denn wenn sie verstehen, dass es sich dabei nicht um willkürliche Anordnungen handelt, sondern um wohlbegründete Forderungen mit einem nachvollziehbaren Bezug zum Geschäftserfolg, dann sind die Verhaltensänderungen für die Betroffenen leichter annehmbar. Das räumt Reaktanz und Widerstände zwar nicht aus, aber es reduziert sie.
Zweitens: Auflösen von Widerständen
Das zweite zentrale Element ist die Auseinandersetzung mit Trotzreaktionen und Widerständen, die jede Veränderungsforderung unweigerlich auslöst. Die wichtigste Führungsleistung ist hier Beharrlichkeit und Konsequenz. Denn häufig äußert sich der Widerstand nicht in sofortiger Gegenwehr, sondern es kommt der “Schläfer-Effekt” der Reaktanz zum Tragen: Wo direkter Widerstand nicht ratsam erscheint, kommt er mit Zeitverzug und schleichend; die vermeintlich überwundenen alten Gewohnheiten reißen nach einer Weile wieder ein – die geforderten Veränderungen “rutschen allmählich weg” und der Alltag kehrt in kleinen Schritten zu seiner alten Normalität zurück.
Beharrlichkeit und Konsequenz
Dabei zeigt sich, dass Führungskräfte oftmals keinen sehr langen Atem haben: Nach einigen Anläufen, ihre Vorstellungen durchzusetzen, wird es ihnen zu dumm (sprich, zu anstrengend), und sie lassen die Sache laufen – und finden sich zähneknirschend damit ab, dass das “Beharrungsvermögen” der Mitarbeiter (wieder einmal) nicht zu überwinden war. Genau auf diesen langen Atem käme es aber an: auf die Beharrlichkeit, “Rückfälle” nötigenfalls auch beim zehnten, zwanzigsten und fünfzigsten Mal wieder anzusprechen und die betreffenden Mitarbeiter mit Nachdruck an die getroffenen Vereinbarungen (bzw. an die festgelegten Regeln) zu erinnern. Dafür ist eine konstruktive Konfliktbereitschaft wichtig: Einerseits das Akzeptieren von Widerständen als Grundmuster menschlichen Verhaltens, andererseits die Entschlossenheit, diesen Widerständen nicht nachzugeben und auf der festgelegten Veränderung zu bestehen.
Häufige Fragen.
Warum leben die meisten Mitarbeiter dem Vorbild nicht nach?
Nicht aus Ablehnung. Sie sehen bei ihren Vorgesetzten andere Aufgaben und Verantwortlichkeiten als bei sich selbst. Ein Chef, der Gerechtigkeit vorlebt, verpflichtet damit noch niemanden, es ihm gleichzutun.
Wirkt das gute oder das schlechte Beispiel stärker?
Das schlechte. Beim Überschreiten von Hemmschwellen ist Vorleben ansteckend: Bricht einer die Regel, sinkt die Schwelle bei allen. Das gute Beispiel dagegen bleibt meist folgenlos.
Hat die Forderung nach Vorleben gar keinen wahren Kern?
Einen kleinen. Wer das genaue Gegenteil vorlebt — Sparsamkeit predigen und die Vorstandsetage renovieren — beschädigt die Glaubwürdigkeit. Das ist aber kein Argument fürs Vorleben, sondern gegen den sichtbaren Widerspruch von Wort und Tat.
Was bewegt Verhalten, wenn Vorleben es nicht tut?
Führung. Klare, konkrete Erwartungen samt ihren Gründen — und Beharrlichkeit: Rückfälle auch beim zwanzigsten Mal wieder ansprechen, statt die Sache laufen zu lassen.
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