Krisen

Krisenprävention: Wie Sie das Undenkbare vorab durchdenken – und Krisen damit einen Teil ihrer Brisanz nehmen.

Wer Krisen vorab durchdenkt, findet in Ruhe die Optionen, die er unter Stress übersieht. So gelingt Krisenprävention.

Winfried Berner ·8 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Krise erwischt Sie kalt — per Definition. Vorbereitet wäre es keine.
  • Krisenprävention heißt: mögliche Krisen vorab durchdenken, in Ruhe statt unter Höchststress.
  • Der eigentliche Gegner ist nicht das Risiko, sondern das positive Schwätzen, das es tabuisiert.

Einen guten Autofahrer erkennt man nicht an der Fähigkeit, beherzt Gas zu geben – das kann jeder testosterongetriebene Führerscheinneuling. Man erkennt ihn an der Fähigkeit, kritische Verkehrssituationen vorherzusehen und im Ernstfall schnell, vor allem aber richtig zu reagieren, und das, ohne dabei in eine permanente Übervorsicht zu verfallen. In ähnlicher Weise erkennt man exzellente Top-Manager an der Fähigkeit, potenzielle Krisen frühzeitig zu erahnen und schnell, gezielt und geeignet darauf zu reagieren. Da Krisen aber definitionsgemäß Ereignisse sind, auf die wir nicht hinreichend vorbereitet sind, liegt der Schlüssel zur Krisenprävention in dem Mut, das “Undenkbare” zu denken, und in der Entschlossenheit, sich dafür zu rüsten, auch wenn dafür vor lauter Tagesgeschäft eigentlich keine Zeit ist.

Die Fähigkeit, vorbereitet zu sein.

Ein Widerspruch in sich?

Spitzfindig könnte man also folgern, dass Krisenprävention ein Widerspruch in sich ist: Wie soll man eine Entwicklung verhindern, die einen – per definitionem – unvorbereitet erwischt? Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Krisenprävention reduziert die Zahl der Situationen, die uns unvorbereitet erwischen. Und sie stärkt überdies unsere Fähigkeit, mit Ausnahmesituationen umzugehen, erstens weil wir sie auf diese Weise trainieren, zweitens, weil manches, was für die eine krisenhafte Entwicklung gilt, auf andere Situationen übertragbar ist, die wir nicht durchdacht haben.

Krisenprävention heißt Risiken wahrnehmen und durchdenken.

Die Menge lähmender Überraschungen reduzieren

Natürlich kann kein Mittel der Welt davor schützen, dass wir in Situationen, die uns völlig auf dem falschen Fuß erwischen, erst einmal handlungsunfähig sind. Deshalb gibt es tatsächlich keine Krisenprävention, die uns vor sämtlichen möglichen Krisen dieser Welt schützt. Was dagegen sehr wohl möglich ist, ist, die Zahl der Situationen, die uns kalt erwischen könnten, fortlaufend zu reduzieren, und darüber hinaus generalisierbare Krisenbewältigungsstrategien zu entwickeln. Und zwar durch ein – im Prinzip – ganz einfaches Mittel, nämlich durch innere Vorbereitung.

Was innere Vorbereitung wirklich leistet

Kein Mittel schützt vor jeder Krise. Das ist auch nicht der Punkt. Der Punkt: die Zahl der Situationen senken, die Sie kalt erwischen. Heißt: Je mehr Szenarien Sie vorab durchdacht haben, desto weniger Entwicklungen können Sie noch auf dem falschen Fuß erwischen.

Krisenszenarien durchspielen

Krisenprävention besteht ganz simpel darin, mögliche Krisen vorab zu durchdenken und ihnen dadurch einen Teil ihrer Brisanz zu nehmen. Auf je mehr mögliche Krisen wir vorbereitet sind, desto weniger Entwicklungen können uns noch auf dem falschen Fuß erwischen. In der relativ entspannten Atmosphäre einer Szenario-Betrachtung gelingt es sehr viel besser, die Situation richtig zu analysieren und sich geeignete Gegenstrategien auszudenken, als unter dem Höchststress einer eingetretenen Krise.

Besser in Ruhe als unter Stress

Zwar ist es immer eine Überwindung, sich ohne aktuelle Not mit möglichen Krisen zu beschäftigen, doch wenn man es tut, hat man die Chance, in relativer Ruhe darüber nachzudenken, wie die Situation im jeweiligen Krisenszenario zu bewerten ist, welche Ziele angestrebt werden sollten und welche Handlungsoptionen es gibt. Unter dem Stress und Handlungsdruck einer realen Krise übersieht man dagegen oft einige der interessantesten Handlungsoptionen – und entscheidet sich möglichweise aus blanker Verzweiflung für eine Reaktion, die vielleicht nahe liegt, mit den eigenen Zielen aber nur lose in Verbindung steht oder ihnen sogar zuwiderläuft.

Innerer und äußerer Widerstand

Voraussetzung für diese “innere Vorbereitung” auf mögliche Krisen sind jedoch zwei Dinge, die theoretisch einfach sind, in der Praxis aber die bewusste Überwindung eines erheblichen inneren Widerstands erfordern: Erstens bedarf es der Bereitschaft, mögliche Krisen überhaupt wahrzunehmen und festzuhalten; zweitens der Entscheidung, sich die Zeit für das Durchdenken und Durchspielen möglicher Krisenszenarien zu nehmen.

Das kann man in schlaflosen Nächten tun, wenn man bereits ahnt, dass sich etwas zusammenbraut; professioneller und gesünder ist es jedoch, dies in Form eines Risikomanagements zur gemeinsamen Aufgabe derjenigen zu machen, die für ein Unternehmen oder ein Geschäftsfeld verantwortlich sind. Diese Variante hat nicht nur den Vorzug, dass sie weniger belastend ist, weil man nicht bloß gedanklich um immer die gleichen Katastrophenphantasien kreist, sondern auch, dass man im Team kreativer ist, sowohl was das Entdecken möglicher Krisen betrifft, als auch, was das Auffinden von Handlungsoptionen und deren abgewogene Bewertung angeht.

Bruch mit Gewohnheiten

Dies setzt freilich den Bruch mit einigen Gewohnheiten voraus – zuallererst mit dem Ungeist des “positiven Denkens”, oder genauer, des positiven Schwätzens. Es ist blanker Aberglaube, dass Probleme dadurch entstünden, dass man zu viel über sie nachdenkt – Krisen entstehen im Gegenteil daraus, dass man zu wenig über mögliche Fehlentwicklungen nachgedacht hat. In vielen Firmen gehört es aber zum guten Ton, nicht über Risiken und Gefahren zu sprechen, sondern selbst am Rande des Abgrunds noch den unerschütterlichen Glauben an eine positive Entwicklung vorzutäuschen.

Der Ungeist des positiven Schwätzens

In vielen Firmen gilt: über Risiken spricht man nicht. Wer warnt, gilt als Miesmacher. Das bedeutet: Nicht das Nachdenken über Probleme schafft Krisen — das Wegschauen tut es. Wo die kollektive Realitätsverleugnung regiert, ist Krisenprävention unmöglich.

Tendenz zur kollektiven Realitäts-verleugnung

Niemand hat das treffender formuliert als Tom DeMarco und Timothy Lister in ihrem empfehlenswerten Risikomanagement-Ratgeber mit dem seltsamen Titel Bärentango: “Die schlimmsten Organisationen sanktionieren unattraktive Voraussagen, nicht aber unattraktive Ergebnisse.” (S. 39) Wo sich diese kollektive Realitätsverleugnung nicht durchbrechen lässt, ist Krisenprävention unmöglich, selbst wenn sich viele der Verantwortlichen in ihrem tiefsten Inneren genau die gleichen Sorgen machen. Wenn man in Ihrem Hause über mögliche Probleme nicht reden darf, ohne sich dem Vorwurf negativen Denkens aussetzen, bleibt Ihnen nur die Möglichkeit, Ihre Szenario-Betrachtung entweder allein oder im kleinsten Kreis vertrauenswürdiger Kollegen bzw. gemeinsam mit einem externen Coach zu machen.

Die schlimmsten Organisationen sanktionieren unattraktive Voraussagen, nicht aber unattraktive Ergebnisse.

Tom DeMarco & Timothy Lister, Bärentango

Enge Verwandtschaft mit dem Risikomanagement.

Die handwerkliche Seite

Krisenprävention in vier Schritten

Erstens: mögliche Krisen identifizieren. Zweitens: nach Eintrittswahrscheinlichkeit und Folgen bewerten. Drittens: klären, was im Ernstfall die wichtigsten Ziele wären. Viertens: die Handlungsoptionen samt ihrer Vor- und Nachteile durchgehen. Dieselbe Logik wie im Risikomanagement — nur auf die großen Fälle konzentriert.

Vom Handwerklichen her folgt die Krisenprävention weitgehend derselben Logik wie das Risikomanagement: Zunächst geht es darum, mögliche Krisen (= Risiken) zu identifizieren. Sie werden im zweiten Schritt nach Eintrittswahrscheinlichkeit und möglichen Folgen bewertet. Drittens ist zu klären, was im Falle des Falles die wichtigsten (Erreichungs- und Vermeidungs-)Ziele wären, und viertens, welche Handlungsoptionen es gibt und was deren Vor- und Nachteile sind. Wie im Risikomanagement lohnt es sich auch hier zu unterscheiden zwischen Präventivmaßnahmen (Risikominderung) und der Notfall- oder Eventualplanung, die festlegt, welche Maßnahmen ergriffen werden, falls die Krise tatsächlich eintreten sollte.

Abgrenzung Risikomanagement

Lohnt es sich angesichts dieser engen Verwandtschaft überhaupt, zwischen Krisenprävention und Risikomanagement zu unterscheiden? In der Tat liegen beide sowohl vom Denkansatz als auch von der Methodik her nahe beieinander. Ihr Unterschied liegt in den Einsatzfeldern: Während Risikomanagement in der Regel im engen Zusammenhang mit einem konkreten Projekt steht, gibt es ja ohne Zweifel auch Krisen, die unabhängig von laufenden Projekten existieren und dennoch der Aufmerksamkeit bedürfen, wenn man nicht Gefahr laufen will, unvorbereitet von ihnen erwischt zu werden. Des Weiteren zielt Risikomanagement in der Regel darauf, sämtliche relevanten Risiken zu erfassen – auch solche, die im Falle ihres Eintritts nicht gleich in eine Krise münden müssten. Dagegen muss sich Krisenprävention, wenn sie nicht zur ausschließlichen Lebensaufgabe werden soll, auf jene großen Risiken konzentrieren, deren Eintreten nicht völlig unwahrscheinlich, sondern zumindest denkbar ist.

Emotionale Barrieren überspringen!.

Geschäftlicher wie privater Nutzen

Auch ohne Bezug zu einem konkreten Projekt ist Krisenprävention für jeden Menschen sinnvoll, und zwar sowohl für seinen beruflichen als auch für seinen privaten Verantwortungsbereich. Für jeden Angestellten lohnt es sich zum Beispiel, einmal durchdacht und durchgerechnet zu haben, was passieren würde, wenn er seinen Job verlöre oder die Firma in Konkurs ginge. Ebenso sinnvoll ist es für Manager, zu durchdenken, welche Krisen ihr Unternehmen bzw. ihren Verantwortungsbereich treffen könnten. Desgleichen sollte jeder Selbständige und Unternehmer durchgespielt haben, was es für Folgen hätte, wenn er, zum Beispiel wegen einer Rezession oder aus anderen Gründen, mit einer Auftragsflaute konfrontiert wäre, und wie er am sinnvollsten mit dieser Situation umgehen würde.

Für Angestellte

Einmal durchgerechnet, was passiert, wenn der Job wegfällt oder die Firma in Konkurs geht — bevor es so weit ist.

Für Manager

Durchdacht, welche Krisen das Unternehmen oder den eigenen Verantwortungsbereich treffen könnten — nicht erst im Ernstfall.

Für Selbständige und Unternehmer

Durchgespielt, was eine Rezession oder eine Auftragsflaute bedeuten würde — und wie sich am sinnvollsten damit umgehen ließe.

Vorbereitung gibt innere Ruhe

Machen Sie sich Sorgen, dies zu tun: Weder wird Sie dies stärker beunruhigen wird als Sie es ohnehin schon sind, noch wird es auf magische Weise eine Krise herbeiführen. Stattdessen wird es Ihnen vermutlich mehr innere Ruhe verschaffen als es alles “positive Denken” und jede “konstruktive Affirmation” jemals vermöchten. Denn die gefürchtete “unbewusste Programmierung” auf Negatives entsteht entgegen allen Legenden nicht durch die bewusste Auseinandersetzung mit möglichen Krisen, sondern durch das vorbewusste Wissen, “dass da etwas ist”, und das Bemühen, diese düstere Ahnung zu verdrängen. Umgekehrt entsteht innere Ruhe nicht aus dem hastigen Verdrängen möglicher Risiken, es entsteht allein aus dem Bewusstsein, auf den schlimmsten denkbaren Fall vorbereitet zu sein.

Umgekehrt entsteht innere Ruhe nicht aus dem hastigen Verdrängen möglicher Risiken, es entsteht allein aus dem Bewusstsein, auf den schlimmsten denkbaren Fall vorbereitet zu sein.

Hinderungsgründe

Dass es in der Praxis dennoch so selten ist, dass sich Menschen mit möglichen Krisen vorbereitend auseinandersetzen – bei Privatleuten ebenso selten wie bei Unternehmern und Vorständen –, hat natürlich Gründe. Die wohlfeile Ausrede lautet üblicherweise, dass man dafür bislang leider nicht die Zeit gehabt habe, es aber bei nächster Gelegenheit wirklich dringend einmal machen müsse. Manchmal wird dann sogar ein konkreter Termin ins Auge gefasst (der dann rechtzeitig vor Erreichen auf unbestimmte Zeit verschoben wird), doch meistens bleibt es bei dem, was die Rheinländer als “mystisches Denken” bezeichnen: “Eigentlich müsst’isch das dringend mal machen …”

Sich seiner Angst stellen

Der tiefere Grund für diese Verweigerung einer Krisenprävention ist wohl, dass es Angst macht, sich die Möglichkeit von Krisen einzugestehen, gerade weil man ahnt, wie schlecht man darauf vorbereitet wäre. Also am besten gar nicht daran denken! Das beseitigt zwar weder das Problem noch die eigene innere Unruhe; dennoch ist die Tendenz, um mögliche Krisen einen Bogen zu machen, offenbar schwer zu bezwingen. Doch spätestens wenn Sie bestimmte Sorgen bis in Ihre Träume verfolgen, ist es Zeit, die wertvolle Energie nicht mehr in das Verdrängen zu investieren, sondern in eine klärende Auseinandersetzung. Wenn es Ihnen auf diese Weise leichter fällt, kann es durchaus sinnvoll sein, dies in Zusammenarbeit mit einem externen Coach oder im Team unter einer fachkundigen externen Beratung zu tun (wie sie Die Umsetzungsberatung gerne anbietet).

Häufige Fragen.

Was ist eine Krise überhaupt?

Eine Situation, in der Sie unter massivem Handlungsdruck stehen, aber handlungsunfähig sind, weil Sie nicht wissen, was zu tun ist. Der Zusammenbruch von Orientierung und Handlungsrepertoire. Wären Sie vorbereitet, wäre es keine Krise.

Ist Krisenprävention nicht ein Widerspruch in sich?

Nur auf den ersten Blick. Verhindern lässt sich eine Krise, die einen definitionsgemäß unvorbereitet trifft, tatsächlich nicht. Aber Krisenprävention reduziert die Zahl der Situationen, die Sie unvorbereitet erwischen — und trainiert die Fähigkeit, mit Ausnahmesituationen umzugehen.

Worin unterscheidet sich Krisenprävention vom Risikomanagement?

Vom Denkansatz und der Methodik her kaum. Der Unterschied liegt im Einsatzfeld: Risikomanagement hängt meist an einem konkreten Projekt und erfasst möglichst alle Risiken. Krisenprävention greift auch projektunabhängig und konzentriert sich auf die großen Risiken, deren Eintreten zumindest denkbar ist.

Sind Führungskräfte rechtlich zur Krisenprävention verpflichtet?

Für Vorstände und Geschäftsführer von Kapitalgesellschaften: ja. Nach § 91 Absatz 2 AktG muss ein Überwachungssystem existenzgefährdende Entwicklungen früh erkennen. Analog gilt das für GmbH-Geschäftsführer — bei Pflichtverletzung droht persönliche Schadensersatzpflicht.

Macht das Durchdenken möglicher Krisen nicht alles nur schlimmer?

Nein. Die gefürchtete Programmierung auf Negatives entsteht nicht durch die bewusste Auseinandersetzung, sondern durch das Verdrängen einer düsteren Ahnung. Innere Ruhe entsteht aus dem Bewusstsein, auf den schlimmsten Fall vorbereitet zu sein — nicht aus dem Wegschauen.

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