Psychologie
Nostalgische Vision: Wenn man die Zukunft im Rückspiegel sucht.
Zu viele Misserfolge, und eine Belegschaft verklärt die Vergangenheit. Warum dieser Rückspiegel-Blick lähmt — und wie Führung ihn durchbricht.
Das Wichtigste in Kürze
- Die nostalgische Vision ist kein Traum, sondern eine Regression: Nach zu vielen Misserfolgen verklärt eine Belegschaft die Vergangenheit — und macht sich damit unbeweglich.
- Der rückwärts gerichtete Traum ist bequem. Wer den Untergang für beschlossen hält, muss sich nicht mehr anstrengen — und sorgt genau dadurch dafür, dass er Recht behält.
- Klassische Change-Projekte greifen hier nicht mehr. Es braucht einen Führungswechsel, sichtbare erste Erfolge mit den resilienten Leuten — und die Trennung von unheilbaren Fällen.
Normalerweise sind Visionen in die Zukunft gerichtet. Wie der Stern von Bethlehem sollen sie eine ferne, aber verlässliche Orientierung liefern, in welche Richtung man gehen muss. Wenn Menschen infolge allzu vieler Misserfolge und Enttäuschungen an Gegenwart und Zukunft verzweifeln, entwickeln sie stattdessen eine “nostalgische Vision”: Sie verklären die Vergangenheit und wünschen nichts sehnlicher, als dass die guten alten Zeiten zurückkehren mögen. Was natürlich völlig unrealistisch ist – und damit die sichere Grundlage für dauerhaftes Unglück.
Sehnsucht nach der guten alten Zeit.
Ausdruck tiefer Entmutigung.
Blockade der Zukunft
So verständlich es ist, dass sich die Mitarbeiter in solch einer Situation die gute alte Zeit zurückwünschen, so katastrophal sind die Folgen – nicht nur für das Change Management, sondern generell für die Wettbewerbsfähigkeit. Denn der rückwärts gerichtete Traum blockiert, wenn er sich einmal verfestigt hat, jede Veränderung zum Positiven; er steht Innovationen ebenso im Weg wie der Anpassung an veränderte Markt- und Wettbewerbsbedingungen. Nachdem sie schon so viele Enttäuschungen erlebt haben, haben die Mitarbeiter und Führungskräfte resigniert; sie “wissen” einfach, dass auch bei dem neuen Anlauf nichts herauskommen wird – und sorgen durch ihr Verhalten dafür, dass sie Recht behalten.
Die selbsterfüllende Prophezeiung
Wer schon vor dem Start weiß, dass nichts herauskommt, handelt danach. Das Ergebnis: Es kommt tatsächlich nichts heraus. Heißt: Der rückwärts gerichtete Traum blockiert nicht nur den nächsten Anlauf — er beweist sich selbst. Und verfestigt sich mit jedem gescheiterten Versuch.
Fallbeispiel
Das Extrem einer solchen Situation habe ich vor etlichen Jahren in einer Sparte eines großen Elektronikkonzerns erlebt. Fast alle Mitarbeiter und Führungskräfte, mit denen wir damals sprachen, waren einerseits extrem offen, was die schonungslose Beschreibung der Probleme und insbesondere der Führungsdefizite an der Spitze betraf (was Beratern oftmals imponiert). Andererseits strahlten sie eine tiefe Resignation aus, was die Chancen auf eine Lösung der Probleme betraf. Sie strengten sich regelrecht an, uns Beratern klar zu machen, dass unter den gegebenen Bedingungen – von Auftragslage über Technologie bis zu den Personen im Vorstand – jede Hoffnung auf eine positive Entwicklung naiv und illusionär sei. Die entscheidenden strategischen Fehler seien vor etlichen Jahren gemacht worden, nun sei der Zug abgefahren, und das gesamte Handeln des Vorstands zeige nur, dass er dies immer noch nicht begriffen habe. Dabei hätte sich das Unternehmen sich großartig entwickeln können, wenn es nur den damaligen Kurs beibehalten hätte …
Bequeme Resignation.
Verharren in Hoffnungslosigkeit
Die Mutlosigkeit, die hier zum Ausdruck kommt, geht noch tiefer als die Beschreibungen schon ahnen lassen. Denn es sagt ja auch einiges über die betreffenden Mitarbeiter und Führungskräfte , wenn sie trotz einer überaus pessimistischen Einschätzung der Lage im Unternehmen bleiben und sich Träumen über die guten alten Zeiten hingeben, statt ihre Koffer zu packen und sich einen anderen Job zu suchen. Wer sich auf einem sinkenden Schiff befindet, könnte ja auch die Rettungsboote klarmachen, statt sich in Trauer darüber zu ergehen, wie schön das Schiff früher war.
Wer sich auf einem sinkenden Schiff befindet, könnte ja auch die Rettungsboote klarmachen, statt sich in Trauer darüber zu ergehen, wie schön das Schiff früher war.
Negatives Selbstbild
Mehr als sie vielleicht wollen, erzählen die Betreffenden damit auch über sich selbst und über ihren mangelnden Mut, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Wenn jemand kurz vor der Rente steht, kann man eine solche Haltung vielleicht noch verstehen: Er hätte es wahrscheinlich schwer, einen neuen Job zu finden, und mag darauf vertrauen, dass das sinkende Schiff noch bis zum (für ihn) rettenden Ufer durchhalten wird. Doch je mehr jemand von seinem Berufsleben noch vor sich hat, desto mehr an persönlicher Mutlosigkeit und Passivität kommt hinter der nostalgischen Vision zum Vorschein.
Bequem in der Resignation eingerichtet
Und zugleich an Bequemlichkeit: Bei genauerem Hinschauen zeigt sich, dass es sich die Betreffenden in ihrer nostalgischen Vision oft recht gemütlich eingerichtet haben. Da die Sache nach ihrer Überzeugung ohnehin den Bach hinunter gehen wird, brauchen sie sich auch nicht mehr anstrengen, sondern können sich darauf beschränken, den bevorstehenden Untergang mit ihren Klageliedern zu begleiten. Dabei beziehen sie ihr volles Gehalt weiter und vertrauen offensichtlich darauf, dass dessen Fortzahlung auch nicht gefährdet ist. So wie in obigem Fall, in dem hinter der angeschlagenen Sparte ja ein Weltkonzern mit tiefen Taschen stand – und ein Betriebsrat, der nicht zulassen würde, dass sie irgendwann einfach auf die Straße gesetzt würden.
Mutlosigkeit
Wer bleibt und klagt, statt die Koffer zu packen, erzählt damit auch etwas über sich: über den fehlenden Mut, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Je mehr Berufsleben noch vor einem liegt, desto deutlicher tritt diese Passivität hervor.
Bequemlichkeit
Ist der Untergang ohnehin beschlossen, muss man sich nicht mehr anstrengen. Man begleitet ihn mit Klageliedern, bezieht das volle Gehalt weiter und vertraut darauf, dass Konzern und Betriebsrat schon niemanden auf die Straße setzen.
Negativauswahl
Wer eine Perspektive sah, ist längst gegangen. Zurück bleiben die, die keine neue Stelle fanden, gerade gebaut hatten oder den Absprung nie wagten. Man kann es drehen, wie man will: Eine Positivauswahl ist das nicht.
Die Übrig-gebliebenen
Wenn man der Vorgeschichte nachgeht, stellt sich häufig heraus, dass diejenigen, die hier der guten alten Zeit nachtrauern, Übriggebliebene sind. Viele, die die negative Entwicklung ihres Unternehmens ebenfalls mitbekommen haben, haben sich irgendwann ein Herz gefasst und sich einen anderen Job gesucht. Manche haben sich dabei sogar verbessert, andere mussten Abstriche machen, teils beim Gehalt, teils durch einen Umzug. Aber die allermeisten sind nun wieder in einem Unternehmen, das aus ihrer Sicht eine Perspektive hat. Zurückgebliebenen sind diejenigen, die entweder keine neue Stelle gefunden haben oder vor Kurzem erst in der näheren Umgebung gebaut hatten – oder die gar nicht erst den Mut aufbrachten, sich auf die Suche zu machen. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Eine Positivauswahl ist das nicht.
Schlechte Prognose.
Bruch der negativen Erwartungen
Die Entmutigung, die von solch einem Umfeld ausgeht, ist ungeheuer. Unternehmen, die in einer nostalgischen Vision gefangen sind, sind in der Regel nicht mehr durch klassische Change-Projekte – gleich ob mit oder ohne Berater – zu retten, sondern nur noch durch einen Führungswechsel – und das auch nur, wenn es der neuen Führung sehr schnell gelingt, deutlich Zeichen dafür zu setzen, dass nun ein anderer Wind weht. Dafür spielt “symbolisches Management” eine große Rolle: Der neue Chef muss diese fatalen Denkweisen und Gewohnheiten sehr schnell erkennen und radikal und spektakulär mit ihnen brechen. Nur dann hat er überhaupt eine Chance gegen die geballten negativen Erwartungen.
Symbolisches Management schlägt Change-Projekt
Gegen geballte negative Erwartungen hilft kein sauberes Projektdesign. Es braucht einen neuen Chef, der die alten Denkmuster schnell erkennt — und radikal, sichtbar, spektakulär mit ihnen bricht. Das Signal muss ankommen: Hier weht ab jetzt ein anderer Wind.
Nicht wettbewerbsfähig
Wenn es nicht gelingt, die nostalgische Vision zu überwinden und die Belegschaft wieder auf Gegenwart und Zukunft zu orientieren, ist die Prognose düster. Denn mit einem Unternehmen, das vergangenen Zeiten nachtrauert und keine Hoffnung für die Zukunft hat, ist im Wettbewerb kein Blumentopf zu gewinnen. Da es vorwiegend mit sich selbst und seiner Vergangenheit beschäftigt ist, bekommt es die Spielzüge der Konkurrenz kaum mit und hat auch wenig Energie, darauf zu reagieren, geschweige denn, selbst in die Offensive zu gehen.
Nicht alle reagieren hilflos und rückwärtsgewandt
Aber was kann man tun, um eine nostalgische Vision zu überwinden? Der Schlüssel dazu verbirgt sich hinter einer zentralen Erkenntnis der Forschung zur “gelernten Hilflosigkeit”. Wie dem Psychologen Martin Seligman schon früh aufgefallen war, erfasst selbst eine massive “Hilflosigkeitskonditionierung”, wie sie etwa in einer misslungenen Integration gelegen haben kann, nie 100 Prozent derer, die ihr ausgesetzt waren: Ein gewisser Prozentsatz von etwa einem Drittel der Betroffenen weigert sich hartnäckig, hilflos zu werden und eine nostalgische Vision zu entwickeln.
Das resiliente Drittel
Keine noch so massive Hilflosigkeitskonditionierung erfasst alle. Ein Teil weigert sich hartnäckig, in die Resignation zu kippen. Genau hier liegt der Hebel: Diese Leute zuerst finden — sie tragen den Neuanfang, wenn ihn überhaupt jemand trägt.
Überwindung einer nostalgischen Vision.
Verharren in Hoffnungslosigkeit
Von diesem resilienten Drittel wird vermutlich ein guter Teil abgewandert sein, was einen Neuanfang natürlich erschwert – aber wahrscheinlich nicht alle. Die verbliebenen (halbwegs) resilienten Mitarbeiter und Führungskräfte gilt es, möglichst schnell zu identifizieren. Aus ihren Reihen sollten dann einige Change-Projekte zusammengestellt werden. Diese Projekte sollten strategisch wichtig, aber nicht zu ambitioniert sein, denn sie müssen unbedingt zu einem Erfolg werden, um die vorherrschenden negativen Erwartungen zu durchbrechen. Dafür brauchen sie bei Bedarf die volle Rückendeckung des Top-Managements. Die Projektteams kann und sollte man verstärken mit neu eingestellten Mitarbeitern und Führungskräften. Die werden auf diese Weise davor bewahrt, in den Sog der allgemeinen Resignation hineingezogen zu werden.
Diese Projekte sollten strategisch wichtig, aber nicht zu ambitioniert sein, denn sie müssen unbedingt zu einem Erfolg werden, um die vorherrschenden negativen Erwartungen zu durchbrechen.
Negatives Selbstbild
Wenn auf diese Weise einige Projekte erfolgreich abgeschlossen und umgesetzt wurden, führt dies bei den “Nostalgikern” zu einer allmählichen Polarisierung: Einige werden sich standhaft weigern, die erfolgreichen Projekte als positives Zeichen dafür anzuerkennen, dass das Unternehmen nun doch allmählich wieder Tritt fasst und seine Krise überwindet; sie werden darauf bestehen, dass dies nur eine vorübergehende Entspannung auf dem Weg in den unvermeidlichen Untergang ist. Andere werden vorsichtige Hoffnung schöpfen, dass vielleicht doch noch nicht alles verloren ist.
Bequem in der Resignation eingerichtet
Letztere gilt es, aktiv in die weitere Projektarbeit einzubeziehen. Denn die engagierte Mitwirkung an Zukunftsprojekten verträgt sich nicht mit einer nostalgischen Vision; sie trägt dazu bei, die betreffenden Personen zu ermutigen und “umzudrehen”. Das Lager der Nostalgiker wird so allmählich kleiner, und das Vertrauen in die Zukunft beginnt wieder zu wachsen.
Die Übrig-gebliebenen
Trotzdem werden nach aller Erfahrung einige – vielleicht sogar etliche – hartnäckige Pessimisten übrig bleiben. Auf Mitarbeiterebene ist das zu verkraften, solange sie ihre Arbeit machen und die Umgebung nicht mit ihrer Mutlosigkeit anstecken. Bei Führungskräften ist es problematischer, denn die sollen ja eine ermutigende und keine entmutigende Ausstrahlung auf ihr Umfeld haben, und das verträgt sich schlecht mit einer nostalgischen Vision.
Trennung von “unheilbaren Fällen”
Von Führungskräften, die sich von ihrer nostalgischen Vision nicht lösen können oder wollen, sollte man sich trennen – und das Gleiche gilt auch für Mitarbeiter, die darin einen missionarischen Eifer entfalten oder eine deutlich negative Ausstrahlung auf ihr Umfeld haben. Das mag ungerecht erscheinen, weil die Betreffenden ihre pessimistische Grundhaltung ja nicht aus böser Absicht entwickelt haben, sondern als Reaktion darauf, was ihnen widerfahren ist. Doch geht es auch gar nicht darum, sie für ihr Handeln zu bestrafen, vielmehr geht es darum, das Unternehmen vor einem Einfluss zu schützen, der im Ergebnis schädlich und entmutigend ist. Deshalb würde ich in solchen Fällen auch immer für eine großzügige Trennung plädieren – aber für eine Trennung.
Häufige Fragen.
Was ist eine nostalgische Vision?
Der Begriff stammt vom Kulturberater Michael Löhner und beschreibt eine Regression: Nach zu vielen Misserfolgen verklärt eine Belegschaft die Vergangenheit und wünscht sich die guten alten Zeiten zurück, statt sich auf Gegenwart und Zukunft auszurichten. Psychologisch ein Rückfall in eine frühere Entwicklungsstufe.
Warum ist die nostalgische Vision so gefährlich für ein Unternehmen?
Der rückwärts gerichtete Traum blockiert jede Veränderung zum Positiven — er steht Innovationen im Weg und der Anpassung an neue Marktbedingungen. Das Unternehmen ist vorwiegend mit sich und seiner Vergangenheit beschäftigt und bekommt die Züge der Konkurrenz kaum noch mit.
Lässt sich eine nostalgische Vision mit klassischem Change Management auflösen?
In der Regel nicht. Unternehmen, die darin gefangen sind, sind meist nur noch durch einen Führungswechsel zu retten — und auch das nur, wenn die neue Führung sehr schnell sichtbar mit den alten Denkweisen bricht. Symbolisches Management spielt dabei eine große Rolle.
Wie überwindet man eine nostalgische Vision konkret?
Zuerst die verbliebenen resilienten Mitarbeiter identifizieren und aus ihren Reihen einige Change-Projekte bilden — strategisch wichtig, aber nicht zu ambitioniert, denn sie müssen gelingen. Erste Erfolge durchbrechen die negativen Erwartungen und drehen nach und nach die vorsichtig Hoffnungsvollen.
Was tun mit Führungskräften, die an der nostalgischen Vision festhalten?
Von Führungskräften, die sich nicht lösen können oder wollen, sollte man sich trennen — ebenso von Mitarbeitern, die daraus missionarischen Eifer entwickeln oder ihr Umfeld anstecken. Nicht als Strafe, sondern um das Unternehmen vor einem schädlichen, entmutigenden Einfluss zu schützen. Großzügig, aber konsequent.
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